Zum Beitrag „Roms Treue zur Märtyrerkirche“: Das Abkommen von Balamand

Stephan Baier berichtete unter der Überschrift „Roms Treue zur Märtyrerkirche“ (DT vom 8. März 2016) über das Verhältnis Roms zu den mit der katholischen Kirche unierten Ukrainern. In diesem Zusammenhang erwähnte der Autor den Kampfbegriff „Uniatismus“: Die orthodoxe Seite verwendet ihn gegen die Unionen mit Rom. Leider gebrauchte ihn auch Papst Franziskus in der mit Patriarch Kyrill verfassten Erklärung von Kuba. Ja, er lehnte sogar jenes Konzept von Unionen orientalischer Kirchen mit dem Stuhle Petri für die Zukunft kategorisch ab. In diesem Zusammenhang lobte Baier Papst Johannes Paul II., der „sich zur verfolgten Märtyrerkirche bekannte und sie vor dem Erlöschen bewahrte.“

Das ist aber leider allenfalls die halbe Wahrheit. Unter seinem Pontifikat wurde im Juni 1993 mit den Orthodoxen das Abkommen von Balamand im Libanon geschlossen. Johannes Paul II. billigte den Text, ja sah ihn „als einen bedeutsamen Schritt nach vorn an“, wie Walter Kardinal Kasper formulierte (Wege der Einheit – Perspektiven für die Ökumene, Freibg./Br. 2005, 126). Den mit Rom unierten Katholiken wurde dort jegliche missionarische, ja sogar jede karitative Aktivität untersagt, für die nicht die Erlaubnis der orthodoxen Ortsbischöfe eingeholt wurde, welche ihre Autorität ebenso wie die katholischen Amtsträger vom Hl. Geist empfangen haben sollen (Documentation catholique 2077/1993, 711–714, Nr. 24 f. und Nr. 29). Den Unierten ist es verwehrt, für die Union zu werben, ein solches Engagement für die Einheit in der Wahrheit wird als „Proselytismus“ diskriminiert (Nr. 22 und 35). Die Unierten werden beschuldigt, in der Vergangenheit die Gemeinschaft mit ihren „orientalischen Mutterkirchen“ gebrochen zu haben (Nr. 8), was in Zukunft nicht mehr akzeptiert werden könne (Nr. 12). Es wird sogar behauptet, die katholische Kirche habe in den vergangenen vier Jahrhunderten, um den Proselytismus zu fördern, im Umgang mit den Orthodoxen „die theologische Vision entwickelt, nach der sie sich selbst als einzige Verwalterin des Heils darstellte“ (Nr.10).

Gerade im letzteren Punkt liegt nun eine regelrechte Geschichtsklitterung vor. Denn in Wahrheit findet sich – von zentralen biblischen Stellen wie Mk 16,16; Joh 14,6; Apg 4,12 und andere abgesehen, die die Heilsexklusivität in Christus und damit auch in seiner Kirche (vgl. Mt 16,18 f. u. ä.) betonen – die berühmte Formel „Extra ecclesiam nulla salus“ („Außerhalb der Kirche kein Heil“) von Anfang an bei den Kirchenvätern, implizit bereits um 100 bei Ignatius von Antiochien (Ep. ad Phil. 3,3), explizit erstmals im frühen 3. Jahrhundert bei Origenes (In libr. Jesu Nave hom. 3,5) und dann vor allem mehrfach bei Cyprian (siehe Anton Seitz, Die Heilsnotwendigkeit der Kirche nach der altchristlichen Literatur bis zur Zeit des hl. Augustinus, Freibg./B. 1903, 365 f.). Der heute immer wieder angegriffene Satz wurde auf dem IV. Laterankonzil von 1215 dogmatisiert (DH 802). Das heißt allerdings nicht, dass alle Menschen, die schuldlos nicht formal der katholischen Kirche angehören, automatisch verdammt sind. Die Päpste der Neuzeit haben mehrfach einen solchen Rigorismus verworfen; Bernhard Poschmann hat die einschlägigen Stellungnahmen zusammengestellt (Die Lehre von der Kirche, Siegburg 2000, 71–75). Aber jene Menschen müssen mit der „Seele der Kirche“ mindestens durch ein „votum implicitum“ verbunden sein, das heißt durch einen einschlussweisen Wunsch nach der Taufe. Niemals waren früher andere Konfessionen (auch nicht die orthodoxe, so nahe sie uns Katholiken steht) oder gar nichtchristliche Religionen zu Heilswegen erklärt worden.

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