Zum Beitrag „Bischof Fürst: Streben nach Perfektion des Menschen zerstört dessen Würde“: Völlig an jeglicher Ethik vorbei

Leserbrief zu „Kritik am Machbarkeitswahn“ (DT vom 5. Juni): Bischof Dr. Gebhard Fürst bezog sich beim Ravensburger Forum zum Thema „Der gläserne Mensch“ auf jenen ausgewählten Adam Nash, der auf Wunsch seiner leidgeprüften Eltern der schwerkranken Schwester Molly zum „Medikamentenschrank“ wurde. Adam verdankte seine Weiterexistenz den Laborbefunden der Präimplantationsdiagnostik (PID). Er durfte zwar nicht deswegen weiterleben, weil er Mensch war, sondern allein wegen seines „Materialwertes“. So ist Adam zum Prototyp des Designerkinds geworden. Um den „Heileffekt“ für Molly zu erreichen, so Bischof Fürst weiter, ließen die Eltern ein Dutzend Eizellen befruchten. Nach Erfüllung der elterlichen Vorbedingung durfte (wenigstens) Adam weiterleben, von den übrigen elf oder mehr Embryonenkindern kein einziges mehr.

Diese Form der „Ethik des Heilens“ wird neuerdings in die Diskussion um „Helferkinder“ – man beachte die gefällige Wortwahl – und um das Auswahlverfahren PID auch in Deutschland aufgenommen, nicht nur unter Reproduktionsmedizinern, welche via PID die Erfolgsquote bei künstlicher Befruchtung steigern wollen.

Vielmehr sprach sich die von Professor Dr. Lammert berufene Vizepräsidentin des in diesem Jahr konstituierten Ethikrates, PD Dr. Christiane Woopen, Vorstandsmitglied von „Donum vitae“, Kuratorin der Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“ – in einem Interview des „Kölner Stadtanzeiger“ (1. Juni 2008) wie folgt aus: „Wenn ich in eine Boutique gehe und von 10 Kleidern eines aussuche, habe ich noch lange kein ,Designerkleid‘. Das heißt übersetzt: Zunächst haben die Eltern einen Kinderwunsch. Wenn dann von mehreren vorhandenen Embryonen derjenige ausgewählt wird, der nicht nur den Kinderwunsch der Eltern erfüllt, sondern auch als Zellspender fungieren kann, dann wird zwar das spätere Kind zwar zum Teil instrumentalisiert, aber eben nicht ausschließlich... Wir alle behandeln jeden Tag andere Mitmenschen und uns selbst auch als Mittel für bestimmte Zwecke.“ Also?

Obwohl der allerletzte Satz dieser Aussage zutreffen mag, ist die Argumentation der Ethikratsvize an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten und schlittert an jeglicher Ethik vorbei. Denn das Auswahlverfahren über die künstliche Befruchtung wird bei nicht behandlungsbedürftigen(!) fruchtbaren Paaren einzig deswegen inszeniert, um die Selektion zu ermöglichen; ferner endet es für alle Embryonenkinder, die der elterlichen Vorgabe nicht entsprechen, nahezu ausnahmslos tödlich. Außerdem sprechen wir über Menschenkinder (beziehungsweise „ungeborenes Leben“ im Begriffsbild der „Bundesstiftung für Mutter und Kind“) und nicht über Sachwerte wie Kleidungsstücke. Grundsätzlich und von vornherein ist PID keine Diagnostik im Sinn des ärztlichen Heilauftrags. Denn der heilkundliche Begriff „Diagnostik“ bezieht sich auf Behandlungswege und fasst alle auf die Erkennung einer Erkrankung gerichteten Maßnahmen beim anvertrauten Patienten zusammen, um ihm ärztlich helfen zu können: Therapie ist das Ziel der Diagnostik. PID, mittlerweile nahezu global bekannt, hat keine solche ethisch-normative Basis. Sie ist ursprünglich auf die Erkennung von genetischen/chromosomalen Fehlbildungen gerichtet und somit ein reines Selektionsverfahren. Sie geschieht, um die Intaktheit des Menschenembryos zu überprüfen. Dadurch steht sie in der verhängnisvollen Perspektive tödlicher Eugenik und „Lebenswert“-Beurteilung. Wenigstens in Deutschland sollte man sich erinnern.

Aber wie das mit sogenannten Dammbrüchen, den Erweiterungen bioethischer Gesetzesregelungen in der Logik liberaler Gesellschaften immer aufs Neue geschieht, ist die Wirksamkeit sogenannter strenger Auflagen äußerst begrenzt. „Man“ drängt nach Erweiterungen: Nichts scheint unmöglich! Wird also das Designerkind kommen? Verbleibt der „Schutz des ungeborenen Lebens“ (!) nur als Reklamespot? Zwar könnte unsere Verfassung den Riegel vorschieben. Ob allerdings die Justiz ein effektives „bis hierher und nicht weiter!“ wagt und sich nicht noch einmal mit dem „Schein“ begnügt, wir werden sehen!

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