Was die Wahlschlappe der CSU so alles verrät: Gründe, über die keiner spricht: Die Ursachen liegen in Berlin: Luxusprobleme bayerischer Wähler

Unterschiedlich wird das Wahlergebnis von „außen“ (= Nichtbayern) und hier bei uns bewertet. Vorab ist daran zu erinnern, dass es bei der letzten Landtagswahl um einen „Anti-Schröder-Protest“ ging. Aber einiges, was bei Stoiber geschah, verletzte bayerische Gefühle, so die Umbenennung der – mit 200 jähriger Tradition- Bezirksfinanzdirektionen in „Landesamt für Finanzen, Dienststelle x“ oder der Abschaffung des Bayerischen Obersten Landesgerichts (BayObLG). Was hatte das gebracht? Nur Verärgerung. Und diese hatten Stoibers Nachfolger politisch auszubaden.

Sehr viel schwerwiegender ist aber, dass führende CSU-Politiker, insbesondere Frauen mit einigen Ausnahmen, sich für „Donum vitae“ einsetzen. Diese Organisation ist immerhin auch von Kardinal Lehmann als „außerhalb der katholischen Kirche“ stehend bewertet worden. Es gab genügend Warnungen, wie das wohl beim Wähler ankomme, aber die Herrschaften haben sie nicht beachtet.

Ob man jetzt einige Amtsträger – zu Recht oder Unrecht – wegen des Wahldebakels abstraft, das mag parteiintern Gefühle auslösen. Für die schon bald folgenden Bundestagswahlen werden sich die Wähler ebenfalls einiges in's Gedächtnis rufen. So hat Ilse Aigner zusammen mit einem SPD-Mann die Gesetzesinitiative für die Fristenänderung bei der Verwertung von Stammzellen auf den Weg gebracht. Sie meint, dies nur „mit meinem Heiland ausmachen“ zu müssen. Nein, auch mit den Wählern!

Ähnliches gilt für Horst Seehofer. In privaten Angelegenheiten ist man in Bayern großzügig. Darum geht es also nicht, sondern dass auch er für die Fristenänderung gestimmt hat. So ist also mit der Bayernwahl das Dilemma des CSU – man kann auch von einem Sündenfall sprechen – noch nicht ausgestanden. Folgt keine Einsicht, dann wird es auch bei der Wahl zum Bundestag in Bayern „Überraschungen“ geben.

In Hessen musste bei den letzten Landtagswahlen Ministerpräsident Roland Koch hohe Verluste hinnehmen, so dass er nur noch geschäftsführend im Amt ist. Die Kommunalwahlen in Brandenburg zeigen starke Verluste für die CDU, so dass sie nur noch drittstärkste Kraft ist. In Bayern dagegen erhielt bei den Landtagswahlen die CSU mit 43,4 Prozent weitaus die meisten Stimmen vor der SPD und anderen Parteien (siehe DT vom 30. September)! Allein in Bayern aber „rollen Köpfe“!

Das christliche Lager sollte froh sein, dass die Persönlichkeiten Beckstein und Huber noch 43,4 Prozent der Stimmen in Bayern geholt haben, anders als die CDU in ihren Gebieten! Die Vergleiche aber zeigen, dass das Wahlergebnis in Bayern hauptsächlich seine Ursachen auf Bundesebene hat! Sei es, dass die CSU-Vertreter im Bund sich gegenüber der Bundeskanzlerin nicht mit der Wiedereinführung der vollen „Pendlerpauschale“ durchsetzen konnten oder das mangelnde christliche Profil der CDU heute auf Bayern zurückwirkt oder bayerische CSU-Wähler nicht wollen, dass die CDU/CSU mit der in sich zerrissenen SPD, die den Linken kampflos die Wähler des linken Wählerspektrums überlassen hat, weiter koaliert, was sich doch in den 19 Prozent der Wählerstimmen für die SPD niederschlägt!

Wir wissen noch nicht, wer die Führungspersönlichkeiten der CSU beerben wird! Sollten es aber Vertreter mit einer lockeren, christlich nicht konformen Lebensauffassung sein, wird die CSU bei den nächsten Wahlen auch unter die 40-Prozent-Marke sinken!

Wenn man nördlich des Mains wohnt und die Berichterstattung über die Bayern-Wahl in den Medien verfolgt, hat man den Eindruck, die CSU sei unter die Fünf-Prozent-Hürde gerutscht. Ich will das für CSU-Verhältnisse ausgesprochen schlechte Ergebnis nicht schönreden. Zumal die Folgen für die Bundespolitik auf der Hand liegen. Zwei Punkte aber möchte ich anmerken. Erstens: Was wäre man in anderen Bundesländern froh über ein solch klares Ergebnis. Und Zweitens: Der bayerische Wähler ist schwer zu verstehen. Bei den positiven Bilanzen des Freistaats hat das bayerische Wahlvolk wohl ein Luxusproblem.

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24.09.2021, 10 Uhr
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