Von Sprachtücken, Wertewandel, verdrängtem Naturrecht und philosophischen Hintergründen: Das Gute und die Zehn Gebote

In seiner Wortmeldung vom 3. April hat Dr. Geißler auf den Unterschied zwischen „Wertewandel“ und „Bewertungswandel“ aufmerksam gemacht. Es handelt sich in der Tat um eine der geläufigen Sprachtücken, die bei der gegenwärtigen Umwertung aller Werte verwendet werden und die der Verfasser mit der Frage der Abtreibung exemplifiziert. Ein anderes Beispiel ist der Kampf gegen sämtliche „Diskriminierungen“, die unsere noch nicht ganz aufgeklärte Kultur aus der dunklen Vergangenheit mitschleppt und die deswegen ausgemerzt werden müssen, etwa die Ablehnung der Homosexualität. So weit so gut.

Um deutlich zu machen, dass wir Menschen beziehungsweise die Kultur als menschliches geschichtliches Phänomen zwar Dinge und Handlungen anders im Laufe der Zeit bewertet, aber dass dies keinen Wertewandel in dem impliziert, was eben anders bewertet wird, schlägt Dr. Geißler vor, den Terminus „Wert“ möglichst zu vermeiden und statt dessen von den „Zehn Geboten“ zu sprechen. Diese sind „absolut verbindlich“, während Werte jederzeit „wandelbar“ sind, beziehungsweise für wandelbar gehalten werden. Anders gesagt, er plädiert für einen ausdrücklichen Bezug auf das heute vielfach verdrängte Naturrecht. Ich glaube, dass viele DT-Leser – unter denen auch ich – die Intention des Verfassers teilen.

Dennoch vermag ich nicht, die vorgeschlagene „Sprachregelung“ ohne weiteres zu teilen. Denn sie kann leicht zu einer falschen Auffassung der „Zehn Gebote“ verleiten, die korrekt denkende Menschen als in der gegenwärtigen Kultur bedroht ansehen. Was ich meine, möchte ich versuchen, im Folgenden zu erläutern.

Der Mensch ist ein freies Wesen. Seine Entscheidungen sind nicht im voraus durch Gesetze wie in der leblosen Natur bestimmt und auch nicht durch jene Instinkte, die innerhalb gewisser Schwankungen das Verhalten der Tiere regeln. Mit einer vorgegebenen Wirklichkeit oder realen Möglichkeit konfrontiert, stellt der (erwachsene) Mensch als rationales und verantwortliches Wesen die Frage: „Was soll ich tun?“ In dieser Frage wirken sich die drei konstitutiven Elemente der Moralität aus: die Freiheit des Willens, die transzendentale (allumfassende und vorwegnehmende, aber noch nicht kategorial bestimmte) Notion des Guten und die unbedingte Verpflichtung zum Guten. Es handelt sich um drei Aspekte, die sich aufeinander beziehen und alle zusammen das Phänomen des Gewissens ausmachen. Hier gehe ich auf die zweite Komponente näher ein.

Das Gute ist das Objekt unserer moralischen Intentionalität. In der Frage nach Entscheidung wird eine eigene Ureinsicht der Intentionalität (das heißt der Dynamik unseres Geistes) wirksam, die folgendermaßen umschrieben werden kann: Das Sein (das Objekt unserer erkenntnismäßigen Intentionalität) ist der ganzmenschlichen Anerkennung und Bejahung würdig. Der menschliche Geist ist von sich aus Intelligenz auf der Suche nach dem Intelligiblen, Rationalität auf der Suche nach dem Wahren und durch das Wahre nach dem Sein, Moralität auf der Suche nach dem Guten. Was sich dem Menschen im erkenntnismäßigen Vollzug der Intentionalität als Sein erschließt, erschließt sich ihm im moralischen Vollzug als gut und wertvoll, das heißt als etwas, was von all denen geachtet zu werden verlangt, die einer freien Stellungnahme ihm gegenüber fähig sind. Der dieser sittlichen Ureinsicht innewohnende Appell wird herkömmlich mit dem Prinzip ausgedrückt: „bonum est faciendum“.

Das Gute ist also das Korrelat zu unserer Frage nach Entscheidung. Mehr noch, die Wirklichkeit ist nicht nur gut in Bezug auf das freie Streben des Menschen, sie hat zugleich im Menschen den Maßstab ihrer Gutheit. In diesem Sinne ist die ganze Erfahrungswirklichkeit auf den Menschen hingeordnet. Im Menschen als moralisches Wesen kommt die ganze Welt als intelligibel und wertvoll in ihren Strukturen und in ihrer Ordnung zu sich selbst. Aus diesem Grund ist der Mensch Endzweck der Schöpfung, dem die ganze Natur teleologisch untergeordnet ist. Der relative Wert der untermenschlichen Natur erlangt durch die Vermittlung des Menschen einen Absolutheitscharakter, insofern der Mensch durch den Vollzug seiner Freiheit und Verantwortung auf das Absolute schlechthin hingeordnet ist, das wir Gott nennen. Dazu schreibt das II. Vatikanische Konzil: „Der Mensch ist auf der Erde die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur“ (GS, 24).

Wenn aber die Forderung nach Anerkennung und Achtung des Seins als gut in der Tat die Forderung nach Anerkennung des Menschen ist, dann gilt der Mensch, der Zweck an sich selbst ist, als „norma obiectiva proxima“ (nächstliegende objektive Norm) der Moralität: Gut ist das, was zum Menschen als Menschen, das heißt in all seinen Komponenten und in seiner konkreten Situation betrachtet, passt; das, was seine Selbstverwirklichung fördert. Gut ist das Menschengemäße. Gerade aus dieser Beziehung zum Menschen, der kein reiner Geist ist, erhalten die Dinge eine ihnen eigene innere sittliche Qualifikation. Damit sind wir beim „natürlichen Sittengesetz“ angelangt, das die „lex nova“ des Evangeliums nicht außer Kraft gesetzt, sondern in die übernatürliche Ordnung aufgehoben hat, in der die Menschheit de facto von Anfang an lebt.

Dr. Geißler lehnt die „Verdrängung des Naturrechts durch das positivistische, von Menschen gesetzte Recht“ ab, das in der Tat ein un-menschliches Recht ist. Die Revolte gegen das Naturrecht ist die Revolte gegen Gott nach dem Wort eines lukanischen Gleichnisses (19, 14): „nolumus hunc regnare super nos“ („wir wollen nicht, dass dieser über uns herrscht“). Der Verfasser beklagt, dass „man europaweit die Zehn Gebote [Gottes] nicht mehr benennen will“. Diese „Gebote“ sind letztlich dem Willen des Menschen entzogen, genauso wie seine eigene Intelligenz, Rationalität und Moralität ihm entzogen sind. Der Mensch kann „nur“ ihnen gemäß oder gegen sie handeln.

Nun aber ist der Terminus „Gebot“ keine Alternative zu den Termini „gut“, „Wert“ und ähnlichen Wertungswörtern. Denn es stellt sich die Frage: „Wer nimmt uns in unserer Freiheit sittlich in Anspruch?“ Die „Rechtfertigung“ der Gebote liegt im Guten; ihr verpflichtender Charakter hat im Guten seinen Grund, zu dem sie uns auffordern, das heißt also in dem, was zu uns als Menschen passt. Die Bindung unserer Freiheit stammt von unserem eigenen Gewissen selbst, das auf das Gute hingeordnet ist. Sie ist kein uns von außen her aufgezwungener Befehl.

Erst aufgrund dieser allgemeinen Erfahrung stellt sich die Frage nach dem letzten, adäquaten Grund einer solch unbedingten Verpflichtung. Die Antwort darauf bildet den so genannten moralischen Gottesbeweis (genauer: eine der zwei möglichen Versionen dieses Beweises): Der unbedingte Imperativ des Gewissens kann letztlich nur von einem absoluten und daher transzendenten Imperator (Gesetzgeber) stammen – Gott. Dies bedeutet aber nicht, dass ohne den Glauben an Gott der Sollensanspruch unseres Gewissens seinen verpflichtenden Charakter verliert. Denn das moralische Gesetz ist für uns ein Erstes, das uns in Anspruch nimmt, noch bevor wir die Frage nach seinem Ursprung und seiner Fundierung stellen, und unabhängig davon, wie wir diese Frage beantworten. Dies bedeutet wiederum nicht, dass es für das moralische Verhalten irrelevant sei, ob wir an Gott glauben oder nicht. In der Tat zeigt die Erfahrung, dass eine Verdunkelung des Gottesglaubens vielfach eine Verdunkelung im Bereich der Verpflichtung nach sich zieht. In diesem Sinne ist das Plädoyer Dr. Geißlers für die Redewendung „Zehn Gebote [Gottes]“ völlig gerechtfertigt.

Meine Bedenken betreffen lediglich die Gefahr eines positivistischen Verständnisses dieser Gebote im Sinne etwa des Voluntarismus des 14. Jahrhunderts. Dieser sah im Willen Gottes die eigentliche Quelle des moralischen Gesetzes. So ging Ockham noch weiter als Duns Scotus, indem er alle Gebote des Dekalogs für lediglich im Willen Gottes begründet hielt, so dass sie jederzeit beliebig von Gott abgeändert werden können. Nun sind die Eigenschaften Gottes wie Weisheit, Macht, Güte und so weiter in ihm ein und dasselbe, nämlich sein unendliches Wesen. Aber von Gott, was er in sich selbst ist und wie er sich zu seiner Schöpfung, näherhin zum Menschen verhält, können wir nur von den unterschiedlichen Eigenschaften dieser Schöpfung und insbesondere unseres Geistes ein gewisses, entferntes Verständnis erreichen.

Nun ist der intelligible Gehalt unserer Einsichten, die unser Wollen und Tun leiten, nicht mit der sittlichen Qualifikation unseres Willens identisch. Denn dieser gilt nur dann als guter Wille, wenn er das will und ausführt, was die Vernunft als sittlich gut erfaßt hat. Im erkannten Guten liegt die „Rechtfertigung“ dessen, was ein Individuum will, eine Kultur sich vornimmt oder die staatliche Autorität als Gesetz erlässt. Ist der Wille ein vernunftgeleitetes Streben, so besagt die Rede vom Guten oder Wert keine Alternative zum Gebot, sondern dessen Begründung. Genau diese Distinktion und diese Begründung des sittlich guten Wollens und Handelns gilt auch für Gott, insofern wir sinnvoll (analog!) von ihm sprechen können. In diesem Sinne ist die Rede vom sittlich Guten beziehungsweise vom Wert für uns unverzichtbar.

Angesichts der gegenwärtig herrschenden „selbstverfügten Beschränkung der Vernunft“ auf die rein instrumentelle Vernunft, auf die Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Vorlesung hingewiesen hat, ist es gerade Aufgabe einer christlich inspirierten Kultur, die innere Vernünftigkeit des Naturrechts ans Licht zu bringen. Die Zehn Gebote sind wegen ihrer Gemäßheit zur Natur des Menschen das Fundament eines geglückten menschlichen Lebens und einer echt menschlichen Gesellschaft.

Noch zwei Bemerkungen seien hinzugefügt. Erstens, der Umstand, dass die Zehn Gebote in der Natur des Menschen und der Dinge gegründet sind, bedeutet nicht, dass es einfach aus ihrer Natur „ablesbar“ ist, wie diese Gebote von der Weisheit Gottes konzipiert und von seinem Willen verwirklicht wurden. Denn die intelligente und rationale Intentionalität, mit der der Mensch ausgestattet ist, besagt keine angeborenen Ideen oder Prinzipien. Alle Erkenntnisse, die eine konkrete Kultur kennzeichnen, wurden und werden weiterhin in einem langen historischen Prozess gewonnen. Im Werdeprozess der Kultur, der nicht geradlinig verläuft, kann sich durch Unzulänglichkeiten, Irrwege und Dunkelheit hindurch die Anerkennung von etwas Natürlichem und deshalb im Prinzip Irreversiblem durchsetzen. In diesem Sinne kann durchaus von einem „Wertewandel“ gesprochen werden. Das Naturrecht wandelt sich nicht, wohl aber unsere Erkenntnis von ihm und deshalb auch das Ausmaß, wie es verpflichtet.

Zweitens, man kann auch mit Recht von „christlichen Werten“ sprechen. Denn die übernatürliche Offenbarung „enthält selber moralische Lehren, die an sich von der natürlichen Vernunft erkannt werden könnten, die aber aufgrund der sündigen Verfasstheit des Menschen schwer zugänglich sind“ (Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen, 1990, Nr. 16). Die hat historisch gesehen als ein wichtiger Faktor zur Entwicklung einer echt humanen Zivilisation gewirkt. A fortiori gilt dieselbe Redewendung für das, was das „proprium“ einer christlichen Moral darstellt. Darüber wurde in den 60er und 70er Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts intensiv debattiert, wobei allerdings die Grenzen zwischen dem, was zum natürlichen Sittengesetz und dem, was allein zur übernatürlichen Offenbarung gehört, in concreto eher fließend verlaufen. Jedenfalls bedeutet von christlichen Werten zu sprechen keineswegs, das Christentum zu einer bloßen Morallehre im Sinne der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zu reduzieren.

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