Vierzig Jahre Enzyklika „Humane vitae“: In der Tat eine herrliche Neuheit

Es gibt Artikel in der „Tagespost“, die kann man nicht sofort lesen, wenn einem die Zeitung auf den Tisch flattert. Man muss sie sich rot anstreichen, damit man später auf sie zurückgreifen kann: dann, wenn man wirklich Zeit für sie hat. Diese Artikel fordern Muße. Mehr noch: Sie fordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Der Artikel von Renate und Norbert Martin zum Thema „Humanae vitae“ (DT vom 24. Juli: „Eine Zäsur der Krise in der Kirchen – Humanae vitae und die ,herrliche Neuheit‘ der Berufung zur christlichen Ehe“) gehört zweifellos zu diesem Genre.

Er ist keine leichte Lektüre. Doch was hier zum Ausdruck kommt, ist in der Tat eine „herrliche Neuheit“, eine „Neuheit“, die deswegen „neu“ und „herrlich“ ist, weil sie unmittelbar mit der Frohen Botschaft selbst zusammenhängt. Deutlich wird: Die Botschaft Jesu ist die Botschaft vom ankommenden Reich Gottes. Die Herrschaft Gottes erfasst die einmalige geschichtliche Situation wie auch die ganze Menschheitsgeschichte, ja den Kosmos selbst. Sie ist in der Geschichte gegenwärtig, zielt aber auch auf die Vollendung der Geschichte. Die christliche Ehe und Familie werden von Gott angesprochen und in Anspruch genommen. Sie werden zu „Orten“ der Gottesherrschaft, zu „Tatorten“ der Umkehr zum Reich Gottes.

Christliche Eheleute wissen sich geliebt von der Liebe Gottes. Aus dieser heraus suchen sie ihre Liebe und ihr Leben zu gestalten und in Form zu bringen. Dabei nehmen sie nicht Maß an der alt-bürgerlichen „Liebe“ des „Do-ut-des“, sondern Maß und Teil an der unendlich neuen Liebe Christi. Wer diesen heilsgeschichtlichen, sakramentaltheologischen Hintergrund der Ehe nicht sieht oder gar ausblendet, versteht nicht, was „Humanae vitae“ will und worauf es mit der christlichen Ehe und Familie letztlich hinausgeht.

Hier zeigt sich: Der Mensch kommt biblisch wesentlich als Bild und Gleichnis Gottes (Gen 1,26 ff.) und damit als ein Wesen relationaler Freiheit zu Gesicht, als ein Wesen auch, das, von Gott angesprochen und in Anspruch genommen, zum Heil in Christus bestimmt ist. So gibt es ein göttlich-freies Konzept vom Menschen. Diesem gilt es, seitens des Menschen – in Freiheit und Verantwortung – zu entsprechen. Genauer noch: Es gilt, seitens des von Gott frei angesprochenen und liebend in Anspruch genommenen Menschen das Sein als Antwort zu leben und nach Heiligkeit zu streben. Dabei ist auch die Botschaft des Leibes zu beachten. Auf sie zu hören, ist nicht Begrenzung und Beschneidung unserer Freiheit, sondern Ausdruck unserer Würde. Sie zu ignorieren und zu negieren, führt nicht zur Erhöhung, sondern zur Zerstörung des Menschen.

Dem Ehepaar Renate und Norbert Martin ist herzlich für diesen die heilsgeschichtlichen Zusammenhänge aufzeigenden und an die „Theologie der Leiblichkeit“ erinnernden Artikel zu danken. Möge er viele aufmerksame Leserinnen und Leser finden.

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