Über den „Bewertungswandel“ in der Frage der Abtreibung: Beliebige Werte statt Naturrecht

Ende Februar ging ein Aufschrei der Abtreibungsbefürworterinnen durch den deutschen Blätterwald über die Äußerung des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Dr. med. Wolfgang Böhmer, zu dem Tabuthema „Kindestötungen: eine Folge der DDR-Abtreibungspraxis“. Im Feuilleton der Tagespost vom 26. Februar war nachzulesen, warum dieses Thema den Ministerpräsidenten so umtreibe: Er habe als Arzt selbst Abtreibungen vorgenommen. Nach ihrer Legalisierung 1972 hätten sich die Abtreibungen in der DDR von einem auf den anderen Tag vervielfacht. Da nun aber bundesweit dieselben Regelungen gälten, gebe es bei Abtreibungen keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West. Der frühere Frauenarzt erklärte, es sei ihm schwergefallen, selbst Abtreibungen vorzunehmen. Vor allem am Anfang habe er sehr viele Skrupel gehabt. Nach einer gewissen Zeit habe er aber akzeptieren müssen, dass es zu seiner Arbeit gehöre. „Den Wertewandel habe ich also an mir selbst festgestellt“ – so sagte Böhmer wörtlich.

Hier irrt Dr. Böhmer, denn er unterlag einem drastischen Beispiel unserer Sprachverwirrung, denn er hat nicht einen „Wertewandel“, sondern in Wahrheit einen „Bewertungswandel“ an sich festgestellt. Der Wert eines Menschen – egal ob als Embryo, Kind, Erwachsener oder Greis – ist immer derselbe, weil er eben Mensch ist und unterliegt demgemäß niemals einem „Wertewandel“. Die materialistischen Weltanschauungen des Marxismus und des Kapitalismus haben einen „Bewertungswandel“ mit sich gebracht, indem der Mensch nicht als Geschöpf eines Schöpfers, sondern nur als eine durch Zufall irgendwie belebte Materie „bewertet“ wird, mit der man nach Gutdünken verfahren kann. Nicht „Wertewandel“, sondern „Bewertungswandel“ hat sich auf raffinierte Weise in den letzten vierzig Jahren ereignet, indem in unserer Gesellschaft zunächst nach und nach die Zehn Gebote in „Werte“ umbenannt wurden. Seitdem spricht kaum noch jemand von Geboten, die als verbindlich gelten, sondern nur noch von Werten, die jederzeit veränderbar sind.

Selbst in der Kirche hat das Gerede von den christlichen „Werten“ Eingang gefunden. Ganz zu schweigen von dem im Deutschen Bundestag genehmigten europäischen Verfassungsentwurf, der das Wort „Gebote“ gar nicht gebraucht, sondern immer nur von „Werten“ redet. Man lese den Artikel 1–2, übertitelt „Die Werte der Union“ in seinem Wortlaut: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Nun kommt aber das Eigenartige: Werte unterliegen ihrem Wesen nach ausnahmslos der Relativierung durch individuelle Bewertung, denn wären sie absoluter Art, so wären sie eben Gebote und müssten auch als solche benannt werden. Weil man aber europaweit die Zehn Gebote als solche nicht mehr benennen will, spricht man nur noch von Werten – und jeder relativiert diese nach Gutdünken.

Gezwungen durch eine atheistische staatliche Gesetzgebung musste Böhmer Kinder im Mutterleibe töten – auch wenn er anfänglich Skrupel davor hatte. Den schrittweisen Wechsel weg vom Arzt, der eigentlich im Sinne des hippokratischen Eides verpflichtet ist, niemandem zu schaden, hin zum staatlich verpflichteten Tötungsfunktionär hatte Ministerpräsident Böhmer als „Wertewandel“ an sich selbst festgestellt, ohne sich bewusst zu sein, dass er eigentlich einem staatlich verordneten „Bewertungswandel“ zum Opfer gefallen ist.

Umso höher nun sein Verdienst, die Schweigemauern durchbrochen zu haben, nachdem inzwischen in ganz Deutschland Gesetze gelten, nach denen aufgrund eines zum Selbstbestimmungsrecht der Frau erklärten Rechtes in den ersten zwölf Wochen ihrer Schwangerschaft, nach erfolgter ergebnisoffener Beratung, ihr Kind mit ärztlicher Hilfe zwar rechtswidrig, jedoch straffrei getötet werden kann. Der damit verbundene „Wertewandel“ hat aber nicht nur Deutschland erfasst, sondern fast ganz Europa und Teile der übrigen Welt. Die Sprachverwirrung kostet allein in Deutschland nach den akribisch geführten amtlichen Statistiken wöchentlich circa 3 000 Kindern im Mutterleib das Leben. So werden also „die Achtung der Menschenwürde“, „Rechtsstaatlichkeit“ und „die Wahrung der Menschenrechte“, auf denen – siehe oben – die Europäische Union gründet, in der Praxis gehandhabt, weil diese nicht als absolut verbindliche Gebote, sondern nur als jederzeit veränderbare „Werte“ benannt werden.

Zu diesen Überlegungen passt der in der Tagespost vom 16. Februar erschienene Beitrag „Das Naturrecht und die Rechtsentwicklung Europas“. Die Folgen der Verdrängung des Naturrechts durch das positivistische, von Menschen gesetzte Recht hat schon Goethe erkannt, wenn er in der Schülerszene den Mephistopheles sagen lässt „Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist, leider! nie die Frage“.

Vom Naturrecht wird heutzutage praktisch nur noch in katholischen Zirkeln gesprochen. Wenn aber der Gesetzgeber selbst die Schranken, die ihm das Naturrecht auferlegt, missachtet, dann darf man sich nicht wundern, wenn das Rechtsbewusstsein schwindet und das soziale Gefüge mehr und mehr zerbricht. Hoffen wir also und wirken wir, soweit es in unseren Kräften steht, daran mit, dass wir die Zehn Gebote wieder in den Blick nehmen, den „Wertewandel“ durchschauen und ihm Einhalt gebieten.

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