Staatsrechtler Horst Dreier diskutiert mit dem Philosophen Robert Spaemann: Kaugummi-Recht und Wertesalat

Der Würzburger Staatsrechtler Horst Dreier versuchte im Tutzinger Gespräch mit Professor Robert Spaemann (DT vom 9. Mai) aufzuweisen, wie er meint, dass Embryonen in den ersten Stunden ihres Daseins, also von ihrer Zeugung an bis zu ihrem Eintritt in die Gebärmutter, kein uneingeschränktes Lebensrecht haben und damit keine Menschenwürde. Solange noch eine Zwillingsbildung oder Drillingsbildung anstehen könnte, sagte er, sei der Embryo noch keine Person, sondern besitze lediglich ein Menschsein. Darum verfüge er, wie gesagt, vom Augenblick seiner Zeugung (Verschmelzung von Ei und Samenzelle) bis zur Einnistung im Mutterschoß weder über Lebensrecht noch Menschenwürde.

Ironisch darf man sagen: Die Konsequenzen sind klar! Der frühe Embryo ist jetzt just endlich zur freien Verfügung der wissenschaftlichen Forschung anheimgegeben, die nun segensreich für das „genus humanum“, das Menschengeschlecht, wirken kann. Man denke an die Alzheimer Krankheit und ähnliche!

Ungereimt klingt: Vorbei ist das Gezeter und Geschrei von Politikern und Kirchenleuten wegen embryonaler Forschung und Stammzellen. Der Staatsrechtler Dreier hat die juristische Formel gefunden, mit deren Hilfe er den schon gezeugten Menschen ganz am Anfang in eine noch nicht vom allgemeinen Menschenrecht erfasste Zone einweist, da der frühe Embryo kein Anrecht darauf hat, eine Person zu sein. – Allen, die mit embryonalen Stammzellen heilen wollen, ist es nun vergönnt, ohne ihr Gewissen belasten zu müssen, ihr Handwerk zu tätigen, um der geplagten Menschheit zu helfen.

Wieder ist eine Bastion für das Leben gefallen, denn das Lebensrecht wird immer mehr von Rechtspositivisten belegt, und der Mensch fällt in die Hand der Menschen. Das Recht wird darum wie Kaugummi dehnbar sein und darf auch bei ähnlich gelagerten Fällen fürderhin angewandt werden. – Gibt es das überhaupt noch, „Lebensrecht“?

Die Embryonen, die in der Forschung und Auswertung verbraucht werden, sind als ein „human life“ nur noch menschliches Sein. Denn der Mensch ist in den ersten Stunden seiner Existenz nicht als ein „human being“ personal als Person zu denken. Er ist im Mutterleib ein „Etwas“, ein Ding, über das man verfügt. – Das hat Folgen. Werden dann die Geburtenzahlen in unserem Land noch mehr absinken? Muss ein Volk ohne Lebenswillen nicht lautlos verdunsten müssen?

Seit vierzig Jahren läuft in Millimeterschritten die Zerstörung des Lebensrechts, angefangen von der Abtreibung bis hin zur Euthanasie. Übrig geblieben ist ein Wertesalat von nicht mehr durchschaubarem Chaos. Es scheint wahr zu sein: Wer den Geboten Gottes den Abschied gibt, endet ganz am Schluss in einer juristischen und moralischen Anarchie, wo jeder behauptet, was ihm behagt.

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