Schlag nach bei Hölderlin: Zum Feuilleton-Beitrag „Der Papst und seine Dichter“ : Ein Zitat als Fingerzeig, den man deuten muss

Zu „Der Papst und seine Dichter“ von Alexander Pschera (DT vom 19. März): Papst Franziskus hat uns allen am Tag nach seiner Wahl in seiner ersten Ansprache an die Kardinäle „ernst zu nehmende Fingerzeige“ gegeben, die gedeutet werden wollen. „In der Sixtinischen Kapelle zitiert man den Protestanten Hölderlin nicht so ohne Weiteres.“ Es geht also um den „Dichter, der die Deutschen erst dichtet“ (Martin Heidegger). War dieser in seinem Herzen wirklich Protestant?

Im gleichen Jahr, in dem Friedrich Hölderlin seinen Brief an die Großmutter schrieb, aus dem Papst Franziskus zitierte, tat er den Ausspruch „Schämen sich denn die Menschen so meiner ganz ?“, als er keine Antwort auf einen Brief erhalten hatte. In einer eindringlichen Bitte unter anderem an Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und den Verleger Steinkopf hatte er gehofft, seine Dichtung in einem Journal platzieren zu können.

„Das eigentliche Geheimnis der Hölderlinschen Sprache, der Grund, warum kaum etwas anderes Neuzeitliches diese Daseinsfülle hat, wie wir sie sonst nur von Überresten des Altertums kennen, der Grund ist, dass Hölderlins Sprache nicht von der Sehnsucht nach dem Göttlichen, sondern vom Gefühl seiner Gegenwart erfüllt ist.“ Dies sagte Norbert von Hellingrath, der Hölderlins lange verborgenes Werk im 1. Weltkrieg ans Licht holte und nur wenige Monate später (1916) 28-jährig vor Verdun fiel.

Friedrich Hölderlin wurde von zu Vielen aus unserer Kulturlandschaft verdrängt. Jedoch sicher nicht von Papst Benedikt, der ihn auf seinem Flug nach Deutschland 2011 zitierte und der uns ein Geheimnis um Hölderlin in seiner „Einführung ins Christentum“ hinterließ: Friedrich Hölderlin stellte seinem wichtigsten Werk „Hyperion“ einen Ausspruch des Jesuitenbegründers Ignatius von Loyola voran: „Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo, divinum est.” („Nicht eingegrenzt werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten, ist göttlich.“) „Jener unbegrenzte Geist, der die Totalität des Seins in sich trägt, reicht über das Größte hinaus, so dass es gering ist für ihn, und er reicht in das Geringste hinein, weil nichts zu gering ist für ihn. Gerade diese Überschreitung des Größten und das Hineinreichen ins Kleinste ist das wahre Wesen des absoluten Geistes. Zugleich aber zeigt sich hier eine Umwertung von Maximum und Minimum, von Größtem und Kleinstem, die für das christliche Verständnis des Wirklichen kennzeichnend ist. Für den, der als Geist das Weltall trägt und umspannt, ist ein Geist, ist das Herz eines Menschen, das zu lieben vermag, größer als alle Milchstraßensysteme.“ So weit Joseph Ratzinger, 1968.

Dass nun der erste nichteuropäische Geistliche und Jesuit auf dem Stuhl Petri diesen Dichter öffentlich wertschätzt, indem er ihn an bedeutendem Ort zitiert, hat tiefe Gründe. Friedrich Hölderlin spricht im „Hyperion“ mit „Bellarmin“ den Jesuitenkardinal Robert Bellarmin an, jenen Stellvertreter der Kirche, der damals in der Auseinandersetzung mit Galilei die Tragweite einer gottlosen, unmenschlichen Wissenschaft erkannte. Und genau in diesem Zusammenhang sollten wir seine katholische Mission heute wahrnehmen. Denn, so Hölderlin im Brief an seine Großmutter: „Vergessen ist fast, was der Lebendige war.“

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