Reaktionen auf die Berichterstattung über den 200. Geburtstag von Darwin: Mit Christentum unvereinbar: Zum Nach- und Weiterdenken

Leserbrief zu „Darwins Schweigen“ (DT vom 12. Februar): Warum sollten in der Artikelserie „200 Jahre Darwin“ der „Tagespost“ nicht unterschiedliche Stimmen Platz haben, die sich „kritisch mit den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Folgen der Evolutionstheorie bis heute“ beschäftigen (wie es im Kasten heißt)? Es überrascht nicht sehr, wenn dabei unter anderem Positionen vertreten werden, die mit dem christlichen Schöpfungsglauben und Menschenbild absolut unvereinbar sind. Diese bedürfen dann aber dringend der Korrektur und Aufarbeitung in dieser Zeitung. Hilfreich wäre auch ein allgemeiner Hinweis des Inhalts, dass diese Artikel wie bei Leser-Zuschriften „nicht die Meinung der Redaktion“ wiedergeben.

Matthias Glaubrecht behandelt in seinem Beitrag „Darwins Schweigen“ hauptsächlich Fragen zu Darwins Biographie, und das „Kritische“ hinsichtlich der „gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Folgen der Evolutionstheorie“ kommt dort kaum zu Wort. Stattdessen ist aber eine deutliche Positionierung pro Naturalismus und gegen eine christliche Sicht kaum zu übersehen. So heißt es: „Darwin hat gezeigt, dass der Mensch nicht das Zentrum der Schöpfung ist und auch nicht ihr Zweck.“ Dagegen bleibt festzuhalten, dass die Evolutionstheorie zu Fragen des Zweckes der Schöpfung grundsätzlich überhaupt keine Aussagen liefern kann. Weiter schreibt der Autor gegen die These von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen: „Denn wie können wir dem Menschen eine Sonderstellung in der Natur zubilligen, wenn er wie alle anderen Lebewesen auch das Ergebnis eines ungerichteten und ziellosen, mithin also blinden Evolutionsprozesses ist?“

Indem man eine solche Blindheit behauptet, hat man längst die Methodologie der Naturwissenschaft verlassen, und man interpretiert metaphysisch, philosophisch oder theologisch. Solche Differenzierung nicht vorzunehmen, bedeutet ein Armutszeugnis für eine Abhandlung hinsichtlich ihrer argumentativen Qualität. An anderer Stelle erklärt der Autor: „So bietet Darwins Theorie zwar bis heute gültig eine plausible und naturwissenschaftliche Erklärung für die biologische Vielfalt in der Natur und die Stellung des Menschen darin.“ Hier geht es wohl um die gefährlichste These dieses Artikels, indem unterstellt wird, der Mensch wäre rein biologistisch vollständig zu erklären, was verheerende ganz praktische Folgen zum Beispiel für die Erziehung und Unterweisung unserer Kinder oder hinsichtlich bioethischer Fragen hat.

Die Oberflächlichkeit des Agierens des Autors zeigt sich auch in Fragen, die für das eigentliche Thema weniger wichtig sind, so zum Beispiel, wenn er schreibt: „Nikolaus Kopernikus hatte 1543 gezeigt, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums, nicht einmal das Zentrum unseres Sonnensystems ist.“ Weiter unten heißt es zu dieser Frage: „Viele meinen, es wäre uns auch wahrlich nicht geholfen, wenn wir noch immer angstvoll glaubten, am Rand einer flachen Erdscheibe abzustürzen, die dafür aber im Zentrum des Weltalls läge.“ Dazu wäre korrigierend anzumerken, dass Kopernikus sein Weltbild eher postuliert, denn „gezeigt“ hat, dass es aus der Sicht des Glaubens gute Gründe gibt, die Erde in nicht-physikalischer Hinsicht, zum Beispiel im Hinblick auf die Inkarnation, durchaus als das Zentrum der Welt zu begreifen, und vor allem, dass die These einer „flachen Erdscheibe“ auch die Jahrhunderte vor Kopernikus keineswegs kirchliche Lehre oder überhaupt nur allgemeine Ansicht gewesen wäre.

Befremden muss auch die uneingeschränkte Empfehlung des Buches „Der Fall Darwin – Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube“ von Christian Kummer in der Rubrik „Bücher über Darwin“ auf der gleichen Seite der „Tagespost“. Ohne das Buch schon gesehen zu haben, möchte ich einige Äußerungen aus vorangegangenen Publikationen Kummers zu bedenken geben. So argumentierte Kummer im Zusammenhang mit den bekannten Forderungen der ehemaligen hessischen Kultusministerin Wolff vehement gegen das Ansprechen des christlichen Schöpfungsglaubens im Biologieunterricht, was bedeutet, dem materialistischen Naturalismus dort allein das Feld zu überlassen; denn die Fragen nach dem Weltbild entstehen dort in jedem Falle. Dagegen plädierte er in seiner Abhandlung „Ein neuer Kulturkampf?“ umgekehrt für die Behandlung der Evolution im Religionsunterricht. In diesem Zusammenhang sprach Kummer hinsichtlich der Schöpfungserzählungen des Alten Testamentes von einem „Dreischritt von kollektiver Erfahrung (,Volk‘), religiöser Deutung (,Gott‘) und metaphysischer Reflexion (,Schöpfung‘) in der Entstehungsgeschichte des biblischen Glaubens“, also „einem Niederschlag an Menschheitserfahrungen in der Bibel“, der „auch auf die heutige Welterfahrung übertragbar“ sei. Bei einer solchen soziologischen Deutung bleibt für den Offenbarungscharakter der Schrift kein Platz. In einer anderen Abhandlung beklagt Kummer, dass die Naturalisten nur die Kreationisten angriffen, von der „aufgeklärten Theologie“ a la „Karl Rahner SJ oder Hans Küng, Jürgen Moltmann oder Wolfhart Pannenberg“ jedoch keine Notiz nähmen. Allein die Anerkennung der weltanschaulichen Positionen Hans Küngs lässt hier Schlimmes befürchten.

Die Unangemessenheit und Gefährlichkeit des Evolutionismus zeigt sich immer besonders hinsichtlich des Menschenbildes: In einem Interview mit der „KirchenZeitung des Bistums Aachen“ äußerte Kummer 2002 in diesem Sinne, auf die spezifische Ebenbildlichkeit des Menschen angesprochen: „Eigentlich ist jedes Geschöpf ein Ebenbild Gottes, ... Wenn ich von Stufen der Ebenbildlichkeit ausgehe, stellt sich gar nicht die Frage: Ab wann ist etwas Ebenbild?“ Im Zusammenhang mit Kardinal Schönborns vielfach heftig angegriffenem Artikel vom Juli 2005 heißt es bei Kummer: „Hier zeigt sich eine zurzeit in allen päpstlichen Verlautbarungen nachweisbare Angst vor der Freiheit der aufgeklärten Vernunft... Nur durch den Glauben könne das Licht der menschlichen Vernunft auf ein für ihn selbst erträgliches Maß heruntergedimmt werden, das ihn vor Verblendung bewahrt... Rom scheint zurzeit (oder immer noch) auf Gängelung mehr zu setzen als auf freie Entscheidung.“

Seine eigene Position kommt dagegen zum Ausdruck, wenn er Teilhard de Chardin mit den Worten lobt: „Aus dieser Weite heraus hat Teilhard die Evolutionstheorie Darwins assimiliert. Nicht in Auseinandersetzung und stückweisem Feilschen, wie viele Anteile der Schöpfungsaktie an die Naturwissenschaften abgetreten werden können und wie viele sich die Theologie selbst vorbehalten muss. Nein, als vollständige, ja bedenkenlose Übernahme, und damit als die Dimension, in der das ganze materielle Sein, das anorganische wie das organische, gedacht werden muss, und in der dementsprechend auch Schöpfung zu deuten ist.“ Hierauf im Einzelnen weiter einzugehen, verbietet die begrenzte Länge eines Leserbriefes, aber das Buch interessiert mich nun doch!

Sollte schließlich nicht der Verdacht entstehen, dass Kummers bekannte bioethische Positionen, die er frontal gegen die Lehre der Kirche mit verheerenden Folgen auch in der Bayerischen Ethik-Kommission vertritt, mit seinen weltanschaulichen Ansichten etwas zu tun haben? In verschiedenen öffentlichen Verlautbarungen trat Kummer ein für eine „positive Eugenik“, für die Legitimität der In-vitro-Fertilisation, für die Freigabe der dabei anfallenden „überzähligen Embryonen“, die „zwar lebendig, aber noch keine Lebewesen“ seien, zugunsten der Stammzellforschung, für selektive Präimplantations-Diagnostik und für das sogenannte „reproduktive Klonen“, mehrfach garniert mit hämischen Bemerkungen hinsichtlich der Vertreter der kirchlichen Lehre.

Leider geht bei dem ganzen Trubel um Williamson und die Kirche in Österreich beinahe unter, was die „Tagespost“ sonst noch an großartigen Themen bietet. Ohne die Leserbriefflut zu den aktuellen Ereignissen unterbrechen zu wollen, möchte ich doch einmal für die Artikelserie zu 200 Jahre Darwin danken. Auch hier habe ich viele hochinteressante Aspekte gefunden, die mich zum Nach- und Weiterdenken angeregt haben. Vielen Dank!

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