Österreich: Helmut Schüller, Vorsitzender der Pfarrer-Initiative, und der „Aufruf zum Ungehorsam“: Ein offener Bruch mit der Kirche

Sehr geehrter Herr Pfarrer Schüller, als gläubiger Katholik, der seinen Glauben schon als Kind gegen die Bedrängung durch protestantische Verwandte und auch durch die schweren Zeiten der Nazi-Herrschaft bewahren konnte, habe ich mit tiefem Schmerz Ihren „Aufruf zum Ungehorsam“ gelesen (DT vom 28. Juni und 18. August). Sie scheinen nicht zu realisieren, dass Sie mit Ihrem Gewissen genau dort stehen, wo Martin Luther bereits 1517 gestanden ist und in den folgenden Jahren die Konsequenzen daraus gezogen hat. Wie Sie wissen müssen, sind heute in der aus diesen Konsequenzen hervorgegangenen Kirche alle jene Forderungen erfüllt, die Sie nun von der katholischen Kirche erfüllt sehen wollen. Und Sie stellen fest: „Die römische Verweigerung einer längst nötigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbstständig tätig zu werden“. So ist auch Luther „selbstständig tätig“ geworden, wie auch alle anderen in den vergangenen Jahrhunderten, die glaubten, nicht mehr in Einheit mit dem Papst stehen zu können.

Auch wenn heute der katholische Glaube weithin nicht mehr vorhanden ist und längst neben der katholischen Kirche faktisch eine österreichische Nationalkirche sich ausgebreitet hat, wird keinesfalls die Mehrheit der auch noch in Österreich lebenden gläubigen Katholiken Ihre Aktion unterstützen. Die gläubigen Katholiken stehen vielmehr in großer Freude und Dankbarkeit in Einheit mit dem Papst. Die „Pfarrer-Initiative“ ist von Madrid aus eingeladen worden, sich den Weltjugendtag anzusehen, um zu erleben, was Einheit mit dem Papst bedeutet. Für die gläubigen Katholiken wäre die Erfüllung Ihrer Forderungen keine Reform, sondern ein Verrat an der Katholischen Kirche. Die Reformation, die Sie wünschen, gibt es bereits seit fast 500 Jahren. Sie haben kein Recht, der katholischen Kirche eine solche Reformation aufzuzwingen, die ihre Identität zerstören würde. Die Religionsfreiheit ist eines der grundlegenden Menschenrechte. Dieses Recht schützt nicht nur Sie persönlich, sondern auch die katholische Kirche und die gläubigen Katholiken.

Die katholische Kirche zwingt auch niemandem den katholischen Glauben auf. Wenn Sie sich nach Ihrem Gewissen nicht mehr in der Lage sehen, die Lehre und Ordnung der Kirche anzunehmen und „weiterhin mit der Kirche“ zu gehen, sind Sie natürlich frei, diese Kirche zu verlassen. Aber Ihre persönliche Religionsfreiheit kann Ihnen nicht das Recht geben, der Katholischen Kirche das aufzuzwingen, was Sie als nötige Reform ansehen. Das muss heute allen gesagt werden, die beharrlich Reformen fordern, die praktisch die Aufgabe der Identität der katholischen Kirche bedeuten würden. Die Forderungen des Vorstandes der „Pfarrer-Initiative“ sind in Wahrheit eine ungeheure Anmaßung, die ganz entschieden zurückgewiesen werden muss. Und wenn Sie unter Missachtung der Ordnung der Kirche „selbstständig tätig“ werden, um Ihre Forderungen durchzusetzen, ist das ein offener Bruch mit der Kirche. Sie haben jedenfalls das große Verdienst, den längst latenten Zustand einer Kirchenspaltung in Österreich manifest gemacht zu haben. Man kann es jetzt nicht mehr schönreden. Es ist eine bittere Realität, dass die katholische Kirche in ihren eigenen Strukturen von Priestern bekämpft wird, die bei ihrer Weihe Gehorsam gelobt hatten. Jetzt bringen Sie einen „Aufruf zum Ungehorsam“ heraus.

Ich weiß aus langer und überaus schmerzlicher Erfahrung, dass Argumente nicht mehr greifen können, wenn einmal eine Position wie die Ihre bezogen wurde. Gleichwohl kann ich zu Ihren Ausführungen nicht schweigen. Auch wenn Kardinal Schönborn bereits erklärt hat, „einen ,Aufruf zum Ungehorsam‘ mehrerer Priester nicht hinzunehmen“ und Bischof Kapellari betonte: „Die Verbindung mit der Weltkirche und mit dem Papst gehört zu unserer unaufgebbaren Identität“ („Tagespost“ vom 18. August), darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Gläubigen mehrheitlich auf der Seite des Aufrufes stehen.

Der Aufruf kritisiert ja nicht nur den Papst, sondern auch die „Untätigkeit der Bischöfe“, aus der das Recht „selbstständig tätig zu werden“ abgeleitet wird. Ich bin überzeugt, dass wirklich gläubige Katholiken den Aufruf des Vorstandes der „Pfarrer-Initiative“ nur mit ganz tiefem Schmerz und mit großer Trauer zur Kenntnis nehmen können und diese Reformforderungen entschieden ablehnen.

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