Neuer Bundespräsident: Bürgerrechtler Joachim Gauck soll Nachfolger von Christian Wulff werden: Mittelmäßigkeit hilft nicht weiter: Auch nach dem familiären Vorbild fragen: Er wird es noch schwerer haben als Horst Köhler

Zum Interview mit dem Medienwissenschafter Norbert Bolz in der DT vom 21. Februar über den Rücktritt von Christian Wulff und den Anforderungen an einen Bundespräsidenten: „Ein Heiliger muss er nicht sein“, heißt es in der Überschrift. Sollte er aber sein, der neue Bundespräsident. Wenn der Vorgänger einer gewesen wäre, hätte er nicht zurücktreten brauchen. Unsere mittelmäßigen und teils unheiligen Politiker werden uns kaum aus dem Teufelskreis, in dem wir schon seit Jahrzehnten stecken, herausholen.

Der spanische Philosoph und Staatsmann Donoso Cortes erkannte schon vor 150 Jahren: „Nur Heilige sind heute noch imstande, den erkrankten Nationen die erwünschte Rettung zu bringen.“ (Zitiert nach Walter Nigg: Der exemplarische Mensch) Dazu noch einen Satz aus „Werte, Wahrheit, Macht“ von Kardinal Joseph Ratzinger 1994: „Sich von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden, ist Selbstmord einer Kultur und Nation.“

Es ist schon aufschlussreich, auf welchem Wertesystem Redakteure der „Tagespost“ fußen, wenn ich die Kritik am letzten Bundespräsidenten mit der fehlenden Kritik am Bewerber für dieses Amt vergleiche.

Beim letzten Präsidenten ging es vor allem um den Umgang mit Geld, also um Materielles. Beim Bewerber auf das Amt wären aber doch zumindest Fragen zu stellen, ob sein Leben als Familienvater Vorbild für die Gesellschaft sein kann. Gerade eine katholische Zeitung darf derartige Fragen nicht einfach übergehen. Schade, ich verdanke ihrer Zeitung sehr viel.

Herr Gauck ist lediglich ein Spielball durchsichtiger politischer Sub-Interessen einer scheinheiligen Allparteien-Koalition. Keine der fünf Parteien unterstützt ihn wirklich von Herzen. Er wird es unendlich schwer haben, schwerer als Horst Köhler noch, der ja ebenfalls ein ernsthafter Zeitgenosse war. Im Unterschied zu Horst Köhler kann Herr Gauck jedoch keine intakten familiären Verhältnisse vorweisen. Das ficht seine Gegner zwar überhaupt nicht an, aber das macht es ihm wohlwollend Gesinnten nicht einfacher, zu ihm zu stehen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Abonnements

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann