Muslimischer Antisemitismus bedroht Europas Juden : Längst in der moderaten Mitte angekommen

Zum Kommentar von Oliver Maksan „Europas bedrohte Juden“ (erschienen in „Die Tagespost“ vom 17. Januar): Leider irrt der Autor, wenn er meint, der einheimische Antisemitismus der extremen Rechten und der extremen Linken, beispielsweise in Bezug auf Israel, sei „zwar nicht verschwunden, aber nurmehr eine randständige, gesellschaftlich geächtete Erscheinung“. Mir sind zuhauf Leute bekannt, die weder dem einen noch dem anderen Spektrum zuzurechnen sind, und die dennoch nicht das geringste Problem damit haben, Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten zu erklären, zu entschuldigen oder zu rechtfertigen mit dem Verweis auf die israelische Politik.

Das Schlimmste, was ich von einem gemäßigten Linken jemals zu hören bekam, war dessen Vermutung, hinter den etwa 500 (!) Anschlägen auf israelische Zivilisten zwischen 1994 und 2004 stünde der israelische Innengeheimdienst mit dem Ziel, den palästinensischen Widerstand zu diskreditieren. Mehr an Hass und Häme ist nicht mehr zu überbieten. Solche Ansichten sind nichts anderes als die aktualisierte Fassung einer jahrhundertealten antisemitischen Überzeugung, die sich in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt: „Der Jude“ ist immer überall an allem schuld! Selbstverständlich auch dann, wenn er ermordet wird. Und dieser Antisemitismus ist längst in der moderaten Mitte des europäischen Mainstreams angekommen. Wenn Herr Maksan also schreibt: „Für Europas Muslime aber ist die Ächtung antijüdischer Haltungen ein Lackmustest der Integrationsbereitschaft“, so täuscht er sich. Genau das Gegenteil ist der Fall: Der Judenhass vieler Muslime geht konform mit dem Antisemitismus der gesellschaftlichen Mehrheit. Linken Judenhassern, ob Kommunisten, Sozialdemokraten oder Grün-Alternativen, ist auch mit Karl Marxens Statement nicht zu begegnen, wonach derjenige, der sich weigert, aus der Geschichte zu lernen, dazu verurteilt ist, sie zu wiederholen.

Wohl aber haben all jene Juden, die jetzt auswandern oder eine mögliche Emigration ins Auge fassen, ein sicheres Gespür dafür, was sie in den nächsten Jahrzehnten in Europa erwarten könnte. Gerade wir Katholiken sollten deshalb lautstark unsere Stimme erheben, damit unsere jüdischen Freunde sich nicht noch einmal alleingelassen fühlen. Denn eines steht fest: Die einzige Institution, die aus der Schoa gelernt hat, ist nicht etwa die UNO oder der Europa-Rat, sondern die römisch-katholische Kirche.

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