Mit einer Eins durchgefallen

Mit einer Eins durchgefallen

Die Fastenzeit ist zwar schon lange vorbei – aber würde es für's Fasten Schulnoten geben, hätte ich wohl eine glatte Eins gehabt. Ich habe alle meine Vorsätze eingehalten. Und eine Disziplin aufgebracht, von der ich nicht mal wusste, dass sie in mir schlummert. Trotzdem würde ich sagen, dass ich noch nie so schlecht gefastet habe wie in diesem Jahr.

„Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten“ (Mt 6,16–18), heißt es. Jahr für Jahr saß ich in der Kirche: „Zum einen Ohr rein, zum anderen Ohr raus.“ Erst als es zu spät war, habe ich darüber ernsthaft nachgedacht. Im Stillen zu fasten war nicht meine Art. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, um das Thema anzuschneiden. Bei jedem Treffen mit Freunden musste ich erwähnen, was ich gerade faste und wie es mir dabei geht.

Ich will mich selbst nicht schlecht machen, aber wie jeder normale Mensch mag ich Bewunderung. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ Diese Worte machen mittlerweile Sinn. Ich habe meinen Lohn wirklich bereits erhalten. In jedem „Wow, wie schaffst du das?“ und jedem „Ich find das cool von dir“. Die Fastenzeit war für mich sicher nicht unnütz. Ich habe mich gut gefühlt und eine neue Stärke in mir entdeckt. Aber vor allem habe ich aus ihr gelernt. Im nächsten Jahr werde ich mir vielleicht ein einfacheres Opfer suchen und dafür die Stärke aufbringen, damit nicht zu prahlen. Wahrscheinlich wäre das nur eine 3 oder eine 4 wert, aber immer noch besser, als mit einer Eins durchzufallen.

Die Autorin, 16, ist Schülerin in

Heidelberg

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