Mein junger Glaube im Alltag: Die dienende Kirche: Getrübter Blick durch Vorurteile: Ein Leben – würdig und stark

Gemeinsamer Erfolg

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Im September habe ich für eine Woche die Medienakademie für katholische Apologetik in München besucht. Dabei wurde eine Gruppe von jungen Katholiken geschult, zu Glaubensinhalten, Glaubenspraxen und Glaubensdogmen, in richtiger Weise, privat und öffentlich, Stellung zu nehmen.

Viele wichtige Erfahrungen habe ich in dieser Zeit machen dürfen, nicht nur inhaltlich, sondern auch menschlich. Ganz besonders aber haben sich der katholische Glaube, seine Botschaften und seine Gläubigen von ihrer faszinierenden Seite gezeigt. Zwar weiß man für sich schon, dass es mit dem eigenen Glauben seine Richtigkeit hat. Im lauwarmen Alltagsleben der Pfarrei kann die wahre Begeisterung aber schon etwas abkühlen. Auf der Medienakademie war es hingegen eine erfrischende Art, wieder zu erleben, dass der Glaube nicht nur etwas ist, was mein Leben begleitet, sondern dass der Glaube Lebensinhalt und Bestimmung ist.

In diesen Tagen durfte ich die Natürlichkeit des gelebten und selbstbewussten Glaubens auf eine neue Weise kennenlernen. Der eigene Blick für katholische Überzeugungen konnte dadurch reifen, denn gerade die katholische Meinung für Themen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, unserer Identität, dessen, was der Mensch ist, ist eine Meinung, die gehört werden muss.

Wer sich mit der kirchlichen Botschaft unvoreingenommen auseinandersetzen kann, der wird feststellen, dass die Kirche stets mit Vernunft und Liebe zum Menschen den Weg der Schöpfung begleiten will. Hinter den von den Medien häufig als verklemmt und rückschrittlich dargestellten Meinungen der Kirche, wie Verhütung, Sexualität, Zölibat, PID, et cetera, steht im Eigentlichen immer der Mensch, dessen sich gerade die Kirche annimmt. Natürlich ist es nicht das Bild des Menschen, der seinen Trieben und Gelüsten in einer falschen Vorstellung von Selbstverwirklichung nachgeht, welches die Kirche hat.

Die Kirche hält den Menschen höher, als ein sein Leben mit liebender Vernunft gestaltendes Wesen, als ein Wesen, das nicht auf sich selbst bezogen, sondern hin zu seinem Schöpfer erschaffen ist. In dieser echten Verwiesenheit auf Gott hin wird der Mensch zu dem königlichen Geschöpf, dass als Ideal dem zugrunde liegt, dem die Kirche als Existenzaufgabe in vollkommener Weise dient. Die Majestät des Menschen wohnt dem Villen- ebenso wie dem Slumbewohner inne. Das königliche Geschlecht des Menschen kommt ihm gleichsam mit seiner innewohnenden Menschenwürde zu.

Wer das begreift, begreift die Kirche und sich selbst als ein Teil von ihr, völlig neu. Die Botschaft der Kirche ist allgegenwärtig, zu jeder Zeit stets dieselbe: Liebe, Freiheit, Schutz der Schwachen, Kranken und Kinder. Wo die Welt materialistisch und utilitaristisch ist, da ist die Kirche eine der letzten Bastionen der Selbstlosigkeit.

„Die Botschaft

der Kirche ist

allgegenwärtig,

stets dieselbe“

Die Kirche, damit ist nicht nur die Amtskirche gemeint, vielmehr die Gesamtheit aller Gläubigen. Die Ideale der Kirche müssen unsere eigenen werden. Wo die Amtskirche durch weltliche Verstrickungen behindert wird oder sich auch selbst behindert, da muss das Licht der Botschaft durch das Herz eines jeden Gläubigen scheinen. Die Christusnachfolge muss daher in das Leben integriert werden. Nicht als Ideal, das wie ein Bild an der Wand hängt, sondern als Modell für unsere Existenz. Wenngleich dies auch nie vollkommen gelingen mag. „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, … Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“ (MT 11,28–30).

Der Autor, 23, studiert Katholische Theologie in Regensburg

Für mein Praktikum bei einer Zeitung konnte ich letztens eine Reportage über Streetwork schreiben. Eine Geschichte also über Menschen, die sich beruflich mit denen beschäftigen, die ganz am Rande unserer Gesellschaft stehen: Drogen- und Alkoholkranke. Und wie alle Randgruppen unserer Gesellschaft sind natürlich auch sie vor allem eines: Zielscheibe menschlicher Vorurteile. Auch ich bin mit Vorurteilen an das Thema herangetreten. Stimmen gibt es dabei viele, die vor der Gefahr der Kranken warnen, ihnen die ganze Schuld für ihre Sucht zuschieben und jeden Euro staatlicher Ausgaben bereuen, der so für die Drogenkranken „verschwendet“ wird.

„Viele der Kranken

können nichts

für ihre Sucht, wurden hineingetrieben“

Schon wenige Minuten nach den ersten Gesprächen mit Drogenabhängigen wurde mir klar, dass ich mal wieder Vorurteile abbauen musste. Ich schämte mich für das, was ich gedacht hatte. Ich schämte mich für voreingenommene Meinungen. Viele der Kranken können nichts für ihre Sucht, wurden in sie hineingetrieben. Oft war es für sie die Möglichkeit, Traumata zu verarbeiten. Falsche Freunde haben den Rest erledigt. Und dabei vergessen wir Christen doch scheinbar oft, wo der Maßstab des Evangeliums liegt. Oder besser: An wen sich das Evangelium in erster Linie richtet.

Gerade ein Blick in die Seligpreisungen zeigt uns ja immer wieder aufs Neue, dass es nicht um die wohlsituierten Bildungsbürger mit geregeltem Einkommen geht. Nein, es geht genau um die, die am Rande stehen. Egal, wie wir sie nennen wollen. Die Trauernden, die Hungrigen, die Verstoßenen. Doch unser Blick scheint oft getrübt zu sein. Getrübt durch die Vorurteile, die wir so sorgfältig aufgebaut haben. Menschen in eine Schublade zu stecken, ist leicht. Diese Schublade zu öffnen, sollte eigentlich ein tiefes Anliegen unseres Glaubens sein. Wo würden wir denn stehen, wenn Gott mit Vorurteilen in die Beziehung mit uns Menschen einträte? Wenn Gott auch nur gerecht urteilen würde, so wie es ein Richter tut, dann hätten wir wohl keine Chance. Zumindest viele von uns nicht. Aber Gott ist eben nicht wie wir.

Gott ist die Liebe und Liebe kennt – wenn überhaupt – nur ein einziges Vorurteil: Wer liebt, geht auf jeden Menschen zu mit dem Urteil, dass dieser Mensch gut und liebenswürdig ist. Gott denkt hier wie so oft umgekehrt, setzt unseren Maßstäben ihr genaues Gegenteil entgegen. Menschliche Vorurteile machen den Anderen schlechter als er ist. Gott aber ist für uns die Chance, besser zu werden. Weil er uns anblickt, können wir gewiss sein, dass es in uns allen den Kern des Guten gibt, den wir nur ausprägen müssen. Und diese Chance brauchen wir bloß zu ergreifen. Wir müssen die Schubladen unseres Denkens nur ein klein wenig öffnen und das Licht und die Wärme der Liebe Gottes hineinlassen.

Dann wird jedes Vorurteil wie weggefegt sein, dann können wir frei und ohne Schublade sehen. Denn dann wird jeder Mensch für uns das sein, was er auch für Gott ist: Ein geliebter Mensch.

Der Autor, 18, studiert Katholische Theologie in Regensburg

Ich war mit dem Fahrtendienst unterwegs in die betreute Wohngruppe, wo ich für sechs Wochen während eines Praktikums wohnte, da sagte mir der Fahrer, wir müssten noch einen Wachkomapatienten abholen. Ich war voll aufgeregt, denn noch nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der im Wachkoma war. Wie würde der aussehen? Würde ich erschrecken? Und unwillkürlich stellte ich mir die Frage, ob ein solches Leben überhaupt lebenswert sei.

Da kam er, mein Herz schlug höher. Ein großer Pflegerollstuhl und darin ein Junge knapp über zwanzig, also nicht viel jünger als ich. Er war seit einem Motorradunfall im Wachkoma. Nun saß er – oder lehnte eigentlich vielmehr – in diesem Rollstuhl, ließ alles hängen, sogar der Kopf rutschte immer wieder von der Nackenstütze. Er konnte … nichts!? Aber die Antwort auf meine geheime Frage, ob dieses Leben lebenswert war, kam prompt und war so eindeutig, dass sie mich mitten ins Herz traf.

Ohne eine Reaktion zu erwarten lächelte ich ihm zu und meinte „hallo“. Da hob er mit all seiner Kraft den Kopf und strahlte mich an. Ich sag’ euch, so etwas habe ich noch nicht gesehen: Augen, die voller Lebensfreude blitzten und ein Grinsen, das um den ganzen Kopf gehen würde, hätte Gott nicht blöderweise die Ohren dazwischen wachsen lassen.

Na, dieses Leben scheint nicht todunglücklich zu sein, dachte ich und grinste zurück. Dieser Junge, der oberflächlich gesehen nichts mehr konnte, hat mich in meiner Überzeugung gestärkt, dass jedes Leben, egal wie schwer beeinträchtigt oder hilflos es sein mag, lebenswert und deshalb auch schützenswert ist. – Soviel übrigens zum Thema, jeder Mensch hat eine Aufgabe, auch wenn er scheinbar sowieso nichts kann und anderen nur zur Last fällt.

Eigentlich könnte ich jetzt aufhören zu schreiben, aber vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich selber auch stolze Besitzerin eines Rollstuhls bin – eines ziemlich coolen und schnellen noch dazu. Das hat natürlich eine weniger coole Ursache. Ich bin nämlich Spastikerin.

Das heißt, mein Körper macht nicht immer genau das, was ich gerade von ihm will, weil durch einen Sauerstoffmangel ein Teil des Gehirns geschädigt wurde und jetzt, einfach ausgedrückt, die Steuerung nicht mehr so ganz klappt.

„Die Antwort auf meine

geheime Frage

kam prompt und

war eindeutig“

Na ja, jetzt hab ich halt den Luxus eines Rollis, und in der Hoffnung und Überzeugung, dass das einen Sinn hat und dass ich die Aufgaben, die mir Gott für mein Leben gegeben hat, mit meiner Behinderung besser erfüllen kann als ohne, lebe ich gut damit. Ich finde mein Leben würdig und echt stark. Daran ist meine Umwelt aber nicht ganz unschuldig, die mich unterstützt und im wahrsten Sinne des Wortes ihre Kräfte für mein Leben einsetzt.

Entgegen sämtlicher Redewendungen ist es nicht so, dass ein Rollstuhlfahrer an seinen Rollstuhl gefesselt ist. Auch wenn das schön dramatisch klingt und die Leute auf Dramatik stehen, es ist nicht so.

Man kann Rollstuhlfahrer durchaus anfassen und aus ihrem Rolli nehmen und mit ihnen zum Beispiel nach dem Motto „Geht nit gibt’s nit“ auf einen Baum klettern – oder auf den Kirchturm, da bin ich gar nicht so wählerisch … Denn: Solche Aktionen machen dein Leben – würdig, echt stark!!!

Die Autorin, 26, studiert Katholische Theologie in Benediktbeuern

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