Mein junger Glaube im Alltag: Barmherziges Augenzwinkern: Ein juristischer Rosenkranz: Mein innerer Träumehund

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben an dieser Stelle jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben, was sie bewegt, ärgert, freut, stutzig macht oder staunen lässt.

Wie sich die Gerechtigkeit Gottes zu seiner Barmherzigkeit verhält, ist ein schwieriges, ein ernstes Thema. Mit Kommilitonen habe ich dazu in der „Summe der Theologie“ des Heiligen Thomas von Aquin einen passenden Abschnitt gelesen. Zuerst entwirft der Heilige Thomas ein Bild der göttlichen Gerechtigkeit, die die Ordnung des Weltalls durchwirkt. Durch sie erhalten Menschen und Dinge den ihnen eigenen Platz. Dann klärt er die Frage, ob Gott überhaupt Barmherzigkeit zukommt. Immerhin ist Gott an seine Gerechtigkeit gebunden: „Was Er willentlich tut, tut Er gerecht.“ So ist es naheliegend, die Barmherzigkeit als eine Lockerung der Gerechtigkeit aufzufassen. In diesem Verständnis kann Gott nicht seine Gerechtigkeit zugunsten der Barmherzigkeit verleugnen.

Thomas führt allerdings erklärend aus, dass Gott nicht barmherzig handelt, indem er „etwas gegen Seine Gerechtigkeit tut, sondern indem Er über die Gerechtigkeit hinaus etwas wirkt“. Dann bringt er ein Beispiel, das mich trotz seiner Klarheit zum Nachdenken angeregt hat. Gott handelt wie „wenn jemand einem Gläubiger, dem er hundert Denare schuldet, von sich aus zweihundert gibt. Ein solcher handelt nicht gegen die Gerechtigkeit, sondern freigebig und barmherzig.“ Auf den ersten Blick scheint der Sachverhalt klar: Der Gläubiger kann sich freuen, dass sein Schuldner ihm nicht nur das geliehene Geld zurückgezahlt, sondern diese Summe sogar überboten hat. Auf den zweiten Blick wirft dieses Beispiel für mich mehr Fragen auf, als es Antworten liefert. Wie soll jemand, der sich 100 Denare leihen muss, plötzlich in der Lage sein, 200 Denare zurückzuzahlen? Redet hier Thomas der modernen Finanzwirtschaft das Wort, die durch Spekulation Geld aus dem Nichts zu schaffen glaubt?

Das Beispiel erscheint noch rätselhafter, wenn man sich bewusst macht, dass die Kredite im Mittelalter im wesentlichen Konsumkredite waren: Es galt den täglichen Bedarf sicherzustellen. Eine gelungene Investition kann zu dieser rätselhaften Geldvermehrung also nicht beigetragen haben. Ich kann mir das Beispiel nur als hintergründigen Spaß des Heiligen Thomas von Aquin erklären. Er zeigt logisch, dass die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit nicht aufhebt, sondern sie übertrifft. Somit ist die Barmherzigkeit Gott in höchstem Grade zuzusprechen. Aber durch das Beispiel aus dem Alltag veranschaulicht der Heilige Thomas, wie schwierig es für den Menschen ist, barmherzig zu handeln. Mit einem Augenzwinkern holt er uns Leser, die wir uns schon mit der Gerechtigkeit schwer tun, auf den Boden der Tatsachen zurück. Und zeigt ernsthaft, dass die unverdiente und großherzige Barmherzigkeit Gottes die menschliche Logik an ihre Grenzen führt.

Der Autor ist 24 Jahre alt und studiert an der KU Eichstätt-Ingolstadt Politikwissenschaft.

Als Student hat man bekanntlich viel Zeit. Diese Aussage mag vielleicht für so manchen Studiengang zutreffen, ich für meinen Teil muss sehr viel Zeit in mein Jura-Studium investieren. Aber während man in einer Vorlesung sitzt, können die Gedanken auch durchaus einmal abschweifen. So viele Normen und Paragrafen. Gerade deutsche Juristen können anscheinend gar nicht genug Gesetze haben. Dabei könnte das Zusammenleben der Menschen doch so einfach sein. Gott hat Mose zehn Gebote gegeben – vollkommen ausreichend. Wenn sich alle daran halten und jeder im Sinne der Nächstenliebe handeln würde, dann bräuchte man nicht so viel Papier für unnötige Vorschriften. Was allerdings weniger mit Jura zu tun hat, sind die Gesätze beim Rosenkranz. Die schreiben sich nicht nur anders, sondern leiten sich auch von Satz, besser gesagt „Nebensatz“, ab und stehen für die unterschiedlichen Endungen beim „Gegrüßet seist du Maria“.

Aber nicht nur in der Vorlesung wird man auf Parallelen zum Glauben aufmerksam.

Das Praktikum beim Amtsrichter lädt zu weiteren Gedankenspielen ein. Mit TV-Gerichtsshows hat das alles wenig zu tun. Aber wie ist das eigentlich mit dem „Jüngsten Gericht“? Wo man in deutschen Gerichtssälen hunderte Richter findet, die denselben Fall teilweise ganz unterschiedlich bewerten, da gibt es im Glauben nur einen einzigen Richter. „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.“ (Lk 12,2–5). Beim Amtsgericht kommt der Richter alleine in den Gerichtssaal, nur selten gibt es überhaupt noch eine zusätzliche Protokollantin, und trotz der schicken samtbesetzten Robe hält sich die Herrlichkeit in Grenzen, was nicht zuletzt an dem hohen Arbeitspensum eines Richters liegt. Der Stuhl hingegen gleicht tatsächlich einem Thron und sieht zumindest außerordentlich bequem aus. Wo dem Menschensohn alle Sünden offenbart werden, da gilt vor dem Gericht höchstens der Amtsermittlungsgrundsatz und auch hierbei kommt längst nicht jede Tat ans Tageslicht. Lediglich die Geschäftsstellendame ist ein kleiner Engel und kocht jeden Morgen Kaffee.

Es ist durchaus beeindruckend, dass man im Studium der Rechtswissenschaften auf solche Bezugspunkte zum christlichen Glauben stößt, ohne sich dem eigentlichen Kirchenrecht zu widmen. Da ist es schon fast selbstverständlich, dass die Aula der Juristischen Fakultät in Würzburg die „Neubaukirche“ ist und sich in der Bibliothek ein Torbogen befindet, der früher der Durchgang zum Priesterseminar war.

Ich jedenfalls finde es immer wieder spannend, dass der Glaube mich auch in meiner beruflichen Ausbildung begleitet und ich mich als katholischer Jurastudent getrost auf die Psalm-Worte stützen kann: „Herr, du bist gerecht, und dein Wort ist recht.“

Der Autor ist 22 Jahre alt und studiert Jura in Würzburg.

Eine Schande ist das! Kaum ist die Fastenzeit vorbei, ist es schon nicht mehr weit her mit meinem Vorsatz: Ob Gottesdienst, Rosenkranz oder Anbetung, ab jetzt konzentriert, mein Fräulein!

Was ist denn auch so schwierig daran, sich jeden Tag ein paar Minuten zu reservieren, das Kopfkarussell auszuschalten und einfach mal da zu sein für den, der immer, jede Sekunde meines Lebens für mich da ist? – Ich weiß es nicht, aber wie oft erwische ich mich dabei, wie ich schon nach kurzer Zeit mit meinen Gedanken irgendwo bin, aber nicht da, wo sie hingehören.

Dabei ist Gebet doch nichts anderes, als ein Gespräch und dazu noch ein besonders wichtiges, mit dem wichtigsten Gegenüber meines Lebens nämlich. Je bewusster ich mir das mache, desto schockierter bin ich, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich nicht bei der Sache bin.

Ein übliches Szenario sieht leider in etwa so aus:

Ich beginne, sagen wir mal mit meinem Morgengebet. Das sind einige wirklich schöne Texte, die mir jedes Mal unheimlich viel mitgeben für den neuen Tag. Nur kann ich sie bereits derart in und auswendig, dass leider etwas zu oft genau das passiert, was mich schmerzlich an die Worte Jesu erinnert: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden“ (Mt 6,7).

Ich also bete brav innerlich so vor mich hin, auf dem Weg zur Uni zum Beispiel, und auf einmal kommt mir alles Mögliche in den Sinn geschossen: Was muss ich heute alles erledigen? Ach, wo ist noch gleich der Vorlesungssaal? Was plane ich denn so für den Tag? Mist, ich hab mein Handy vergessen und so weiter und so fort, ganz nach dem Motto und frei nach Tolstoi: Beim Beten lässt sich vortrefflich denken.

Schon einige Male habe ich mit anderen über mein temporäres Konzentrationsproblem gesprochen und verrückterweise wusste jeder von ihnen genau, was ich meine, selbst Priester und Ordensleute, für die das Gebet ein wesentlicher Bestandteil des Tages ist.

Bin ich also ein schlechterer Christ, wenn ich meine tägliche Audienz jeden zweiten Tag irgendwie vermassele und meine Gedanken bereits nach ein paar Sekunden am Lasso zurückzerren muss? „Sollte ich es dann nicht lieber gleich lassen!“, echauffiert sich mein Gewissen über die Zerstreutheit beim Gebet – aber dieses Phänomen kannten und beschrieben selbst große Heilige. Das nicht-bei-der-Sache-sein scheint zur sogenannten conditio humana, zur menschlichen Grundausstattung zu gehören und hat eigentlich nichts mit mangelnder Ehrfurcht zu tun.

Wie gut tut es da zu hören, dass es auf die Treue ankommt, darauf, trotzdem immer weiter zu beten. Aber auch auf den Willen, das heißt auf das kräftige Bedienen des Lassos, um den Flüchtigen sofort beizukommen. Ganz besonders aber auf die Liebe zu Gott, damit ich nicht aufhöre, mein Bestes zu geben. Und wenn es dann halt mal wieder schwierig war, dann „vergib uns unsere Schuld (...) wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (und dazu zähle ich in diesem Fall auch meinen inneren Träumehund)“, der ist halt da, aber er kann erzogen werden, das dauert mitunter ein Leben lang, aber hier ist einmal mehr der Weg das Ziel.

Die Autorin, 19, studiert Kunstgeschichte und Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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