Lebensschutz: Beim „Marsch für das Leben“ ging es auch um Flüchtlinge: Embryonen ja, Flüchtlinge nein?

Vielen Dank an „Die Tagespost“ und an Stefan Rehder für den ausführlichen Bericht zum 12. „Marsch für das Leben“ 2016 in Berlin. Etwas hat mich allerdings in dem Artikel, der mit „Atemlos durch Berlin“ überschrieben war, in Erstaunen versetzt:

Die sehr politisch gefärbte Ansprache von Erzbischof Koch bei der Kundgebung: „Das Leben ist bunt, die Menschen sind vielfältig. … Wir legen nicht fest, welches Leben ab wann lebenswert ist, wir machen uns nicht zum Herren über das Leben. Wir setzen keine Grenzen, wir errichten keine Mauern des Lebens, nicht an den Grenzen Europas, nicht an den Grenzen der Kulturen und Religionen, nicht an den Grenzen des Alters, der Krankheit, des Behindert-Seins oder des sterbenden Lebens. Wir lassen leben.“ Am Abend bei der Soirée zum „Marsch für das Leben“, organisiert von der Agentur „Ragg?s Domspatz“, verdeutlicht er seine Ansprache und gibt den Lebensrechtlern mit auf den Weg, dass man als Christ nicht für den Schutz des Lebens ungeborener Kinder, aber gegen den von geborenen Flüchtlingen sein könne. Denn „Christen“ stehen für das Leben ein ohne Grenzen, ohne Fristen. Lasst den Menschen leben!“

Der Erzbischof vermischt hier das Anliegen des „Marsches für das Leben“ – dem Thema des Lebensrechts – mit dem der aktuellen Flüchtlingspolitik. Letzteres ist jedoch nicht Gegenstand des Marsches. Im Grunde missbraucht er das Podium, welches ihm hier geboten wird. In den Informationen für die Teilnehmer des Marsches weist der Veranstalter – der Bundesverband Lebensrecht – vorab ausdrücklich darauf hin, dass die Aufmerksamkeit an diesem Tag bewusst nur auf die gemeinsame Botschaft zum Lebensrecht zu richten ist.

Hingegen, wenn man die Aussagen des Erzbischofs näher unter die Lupe nimmt, so erkennt man schnell, dass menschliches Leben ohne Grenzen nicht funktioniert: zum Beispiel das Selbstbestimmungsrecht der Frau ist nicht grenzenlos. Es findet seine naturrechtliche Grenze an dem Punkt, an dem das Lebensrecht eines anderen Menschen beginnt. Auch das Nützlichkeitsdenken (unnötige Belastung für die Gesellschaft und die Familie durch Behinderte, Alte, Demente) findet eine klare rote Linie in unserer rechtsstaatlichen Ordnung, die besagt: „Jeder Mensch ist gleich wertvoll.“ Desgleichen bin ich der Meinung, dass der Schwerstkranke mit einer Selbsttötung eine Grenzlinie überschreitet, bei der er gegen seine eigene Menschenwürde verstößt.

Beim politischen Thema der Flüchtlingskrise denke ich, dass kein Land und keine Staatengemeinschaft auf der Welt auf Dauer bestehen kann, wenn die Grenzen nicht gesichert sind und die Zuwanderung nicht begrenzt und gesteuert wird. An dieser Stelle sollte man den Erzbischof fragen, wie und wen er mit dieser Aussage „keine Mauern des Lebens, nicht an den Grenzen Europas“ meint. Möchte er, dass Ländergrenzen generell abgeschafft werden? Für wen soll es keine Grenzen geben? Spricht er allein von wirklich Asylberechtigten, die vor Krieg, Tod und Verfolgung geflüchtet sind – so bin ich als Lebensschützer, Christ und Deutsche voll bei ihm.

Aber das politische Problem, welches uns seit September 2015 umtreibt, ist ja gerade, dass es sich bei sehr vielen Ankömmlingen um Immigranten und keine Asylberechtigten handelt. An diesem Punkt möchte ich den Leser einladen, das Wahlprogramm der CDU/CSU aus dem Jahr 2002 zu lesen: Zuwanderung steuern und begrenzen. Ja, das ist beziehungsweise war die Union, die ich gewählt hatte. Mit dem scheidenden CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach teile ich seine Feststellung: „Ich vertrete in keinem einzigen Thema eine Auffassung, die nicht einmal auch die Auffassung der CDU war.“

Doch zurück zur Ansprache des Erzbischofs Koch: „Keine Mauern des Lebens, nicht an den Grenzen der Kulturen und Religionen“. Das führt zu meiner wichtigsten Frage: Wie weit lässt sich Fundamentalismus unter muslimischen Zuwanderern überhaupt beeinflussen? Dabei denke ich an Polygamie, die Ehe mit Kindern, Genitalverstümmelung, Ehrenmord, Glaubensabfall, Religionsfreiheit, ungleiche Behandlung und Wert der Frau, Homosexualität, Antisemitismus, Parallelgesellschaften, Scharia? Ersetzen in manchen Gebieten nicht schon muslimische Friedensrichter die deutsche Rechtsprechung? Sind wir – nein – sind unsere selbsternannten demokratischen Parteien überhaupt in der Lage oder willens, unsere zivilisatorischen Grenzen (Grenzen, die durch Menschenrechte und Verfassung gesetzt sind) klar zu definieren und durchzusetzen? Eine gute Antwort auf all diese Fragen und Beobachtungen gibt der Berliner Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Ruud Koopmans: „Die Debatte, die wir brauchen, ist die, welche Art Islam zu Deutschland gehört und welche nicht. Eine Debatte sowohl über Akzeptanz als auch über die Grenzen der Akzeptanz.“

Die bisherige Bilanz unserer grenzenlosen Politik: immer mehr Überwachung und Kontrolle innerhalb unseres Landes. Das Oktoberfest ist eingezäunt, in den Schwimmbädern und Einkaufszentren wird Sicherheitspersonal gebraucht, Einlasskontrollen bei Konzerten, Fußballveranstaltungen, verstärkte Videoüberwachung und Polizeipräsenz an öffentlichen Orten. Ja – wir setzen keine Grenzen – das spricht sich herum. Hauptsache – wir sind gut!

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