Konservative Provokation: Zum Beitrag über den Leipziger Maler Michael Triegel: Geht es wirklich um den Glauben?

Im Artikel über „konservative Provokationen“ („Der Geist sucht sich seinen Weg“, DT vom 16. Mai) beschäftigt sich Ingo Langner bewundernd mit dem Werk des Leipziger Malers Michael Triegel. Im Besonderen geht er auf Triegels skandalträchtiges Bild „Auferstehung“ ein und verteidigt die splitternackte männliche Figur, die Christus darstellen soll, ausgerechnet mit einem Zitat aus Martin Mosebachs „Die Häresie der Formlosigkeit“: „Christus hat Fleisch angenommen und ist Mensch geworden – sollte man ihn nicht wie einen Menschen darstellen?“ Und Langner fährt fort: „Ein von ihm (Triegel) gemalter Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, und als wahrer Mensch fehlt ihm kein Attribut, das jedem Mann nun einmal von Natur aus angehört. Mit anderen Worten: Triegels Christus ... ist so nackt, wie Gott ihn schuf.“

Wen überzeugt diese Argumentation? Erstens zweifelt wohl niemand am Vorhandensein dieses „Attributs“, zweitens ist ein bekleideter Mensch auch ein Mensch, und drittens liegt Mosebach, das geht aus dem genannten Buch hervor, nichts ferner als für eine Nacktdarstellung des Gottmenschen zu werben. Der Schriftsteller hofft auf die Rückkehr von wahrhaft sakraler Kunst; er schreibt: „Der Gedanke, von der Orthodoxie zu lernen, ist nicht populär. Man wird sich aber daran gewöhnen müssen, gründlich zu studieren, was die byzantinische Kirche zu den heiligen Bildern ... zu sagen hat.“

Wenn auf den heiligen Bildern Nacktheit zu sehen ist, was, selten genug, zum Beispiel beim Motiv der Taufe Jesu vorkommen kann, dann in äußerster Dezenz, sodass auf jeden Fall die Ehrfurcht nicht verletzt, Anstoß nie und nimmer erregt wird. Der Auferstandene von Triegel muss schockieren: Die völlige Blöße ist zum einen ikonographisch gesehen überhaupt nicht nötig, zum anderen wirkt die Darstellung aufgrund der naturalistischen, altmeisterlich-peniblen Manier des Künstlers geradezu unanständig. Eine pietätlose Provokation. Langner aber schwärmt, „wie tief Michael Triegel inhaltlich in seine Sujets eingedrungen ist“. Kann er als Heide das überhaupt? Will er das? Was Verklärung des Leibes, Verherrlichung in etwa bedeuten, scheint ihn doch offensichtlich nicht zu interessieren.

Über seine Auferstehung „in Gewändern des Lichts“ sprach Jesus zu einer großen Mystikerin (Maria Voltorta, 20. Jh.) und ließ sie folgendes schauen: „Unter dem Schweißtuch und dem Leichentuch ersteht das glorreiche Fleisch in ewiger Schönheit. ... Wieder ein Augenblick, und dann plötzlich eine Bewegung ..., dass dem Auge keine Zeit bleibt, die verschiedenen Phasen zu verfolgen zwischen dem Moment, in dem er gewiss seine gekreuzten Hände bewegt, und dem Moment, in dem er dasteht – eindrucksvoll, strahlend in seinem Gewand aus unirdischem Gewebe, in übernatürlicher Schönheit und Majestät.“ Das überzeugt. Der Glaubenssinn der Christen hatte es sich so ähnlich vorgestellt. Also keine dämlichen nackten Tatsachen a la Triegel (den Vergleich mit Michelangelo halte ich für verfehlt). Auf den heiligen Bildern der Ostkirche (Auferstehung, Verklärung) kann man Darstellungen von Christus in „Gewändern des Lichts“ sehen, und auch zum Beispiel, wieder anders, bei Grünewald.

Ich behaupte, dass sich der Maler Triegel gar nicht tiefer mit den christlichen Glaubensgeheimnissen beschäftigen will, er verharrt in seiner eigenen bizarren Kunstwelt. Es gibt ein Bild von ihm von 2008, das geradezu decouvrierend ist: Ein Interieur, nischenartig, mit einer nackten Frau modernen Typs, auf dem Rücken ausgestreckt auf einem Tisch liegend, nach lebendem Modell oder Foto gemalt, über ihren Füßen schwebend ein winziges Engelchen, das auf die Nackte herabschaut. Titel: „Verkündigung“. Eine wahrhaft blasphemische Provokation.

„Immer öfter schafft er (Triegel) Kunst für Kirchen“, schreibt Langner. Es ist wahr, Triegel ist ein großer und vielseitiger Könner – das kann blenden. Und leider ist er ein großer Schamloser. Insofern, meine ich, sollte sich die Kirche hüten, einen Maler zu beschäftigen, der sich nicht scheut, absolut Blasphemisches zu produzieren.

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