Kant und der Katholizismus: Diese Warnung bedarf der Korrektur

Herr Matussek empfiehlt in seiner Abhandlung eine vertiefte „Meditation“ der Enzyklika Spe salve, die uns Papst em. Benedikt XVI. vor zehn Jahren schenkte (DT vom 25. November). Darin erschließt uns der Verfasser eine Oase der Hoffnung, die uns in der Wüstenwanderung des Glaubens „klares, durststillendes Wasser“ reicht und den Blick für das Zentrum reinigt, vor „Sandsturm“ bewahrt.

Zugleich warnt Herr Matussek den Leser vor einer Phalanx von Theologen, die in Immanuel Kant ihren „Meister gefunden haben“. Diese Warnung bedarf einer Korrektur, weil sie einer gängigen Fehlinterpretation folgt, die inzwischen von der katholischen Kantforschung widerlegt wurde. Das zu beweisen sprengt den Rahmen eines Leserbriefes. Stattdessen möge uns das Urteil unseres Hl. Vaters Benedikt em. überzeugen, das er in einem persönlichen Dankesbrief an den Kant-Forscher Dr. Fischer em., Universität Eichstätt) aussprach. Er würdigte darin die vielfältige Forschungsarbeit, „mit der Sie uns Kant auf neue Weise als Gesprächspartner einer Philosophie zugänglich machen, die sich in Einheit mit den Intentionen der katholischen Theologie weiß (Durch Kant zu Augustinus, DT vom 21.01.2010).

Die „neue Weise“, auf die sich der Hl. Vater beruft, erinnert an die Tatsache, dass zu Kants Lebzeiten an zahlreichen katholischen Fakultäten, Stiften und Klöstern, am Priesterseminar Salzburg und an der Gregoriana in Rom Kants krische Philosophie gelehrt wurde. Infolge einer fragwürdigen Denunziation gerieten seine Werke auf den Index der verbotenen Bücher. Dasselbe Schicksal widerfuhr dem Philosophen durch die protestantische Glaubensbehörde, was einen Brief von König Friedrich Wilhelm II. zur Folge hatte, darin er Kant mit einem Schreibverbot bedrohte. Kant beteuert in seinem Brief an den König „die völlige Gewissenhaftigkeit“, mit der er vor Gott seine Schriften abgefasst habe, und dabei bemüht war, „jede Unbehutsamkeit im Ausdruck entfernt zu halten, um keinen Anstoß zu erregen“.

Der ihm gemachte Vorwurf „Zweifel an der Lehre Christi erregt zu haben“, bedeute gerade „die größte Achtungsbezeigung für das Christentum“. „Denn die hier aufgezeigte Zusammenstimmung derselben mit dem reinsten moralischen Vernunftglauben ist die beste und dauerhafteste Lobrede derselben: weil eben dadurch und nicht durch historische Gelehrsamkeit das so oft entartete Christentum immer wieder hergestellt worden ist und ferner bei ähnlichen Schicksalen, die auch künftig nicht ausbleiben werden, allein wiederhergestellt werden kann.“ (Streit der Fakultäten, Heidelberg 1947).

In seiner Regensburger Rede sprach Papst em. Benedikt von den „Bedrohungen“ des modernen Fortschritts, der nur durch die Vernunft seine Grenzen finden könne. Deshalb müssen Vernunft und Glaube „auf neue Weise zueinanderfinden“ (DT vom 12.09.2006). Diesem anmaßenden Verstand wollte Kant durch seine Erkenntniskritik seine Grenzen aufzeigen und dadurch der gereinigten Vernunft und ihrer eigenen „pneumatischen“ Kausalität ihre sittliche Würde sichern.

Durch seine Moralphilosophie (von Kant auch Metaphysik genannt), hat er das Christentum weltfähig gemacht. Solowjew, den die Russen ihren größten religiösen Denker nennen, nannte sie „eine Wissenschaft mit mathematischer Gewissheit –, die beste, die je geschrieben wurde.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Abonnements

Kirche