Interview mit Caritas-Präsident Prälat Peter Neher zur Jahreskampagne „Armut macht krank“: Fragen, die mir als Arzt durch den Kopf gehen

Das Interview mit dem Präsidenten der deutschen Caritas Prälat Neher erschien schon am 14. Januar. Heute hatte ich Zeit es zu lesen und habe mich gewundert. Prälat Neher spricht von der Jahreskampagne der Caritas „Armut macht krank“, er spricht von den „meisten Menschen in Armutssituationen, die keinen ausreichenden Zugang zum System haben“.

Hier habe ich mich das erste Mal gewundert, sieht doch das praktische Leben etwas anders aus. Ich arbeite als Arzt in einem Krankenhaus und hier findet sich ein großer Anteil Patienten, die man in Deutschland als „arm“ bezeichnen würde. Das zweite Mal habe ich mich gewundert, als Prälat Neher dann auf die zweite Frage antwortete, dass Langzeitarbeitslose „doppelt so oft im Krankenhaus“ sind und „zweieinhalb Mal so lange dort“ sind wie Erwerbstätige. Haben die „Armen“ nun Zugang zum Gesundheitswesen oder haben sie es nicht? Der Zugang zum Gesundheitswesen ist offensichtlich nicht der limitierende Faktor.

Aus meiner Erfahrung, die sich mit der zweiten Antwort von Herrn Prälat Neher deckt, haben sie meist guten Zugang zum Gesundheitswesen. Oft einen besseren als Erwerbstätige, die immer auch ihre Erwerbstätigkeit mit in die Entscheidung einbeziehen müssen, einen medizinischen Dienst in Anspruch zu nehmen. Dass die Praxisgebühr oder die bürokratischen Regelungen für die Befreiung von der Zuzahlung für Medikamente und Heilmittel in irgendeiner Form Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen hat, wage ich zu bezweifeln. Meines Wissens hat sich die Lebenserwartung mit der Einführung der Praxisgebühr nicht signifikant geändert (so fragwürdig die Praxisgebühr aus anderen Gründen auch zu sein scheint).

Dass Menschen in Armut auch öfter krank werden, daran besteht kein Zweifel. Aber die Ursachen sind, so glaube ich, etwas vielschichtiger, als die Kampagne der Caritas erklären will. Für Gesundheit spielen unter anderem auch ein guter Umgang mit dem eigenen Körper, das Maßhalten, die Disziplin und auch ein guter Umgang mit dem Nächsten (!) eine Rolle.

Prälat Neher antworte auf die dritte Frage, dass Gesundheit etwas mit Bewusstsein zu tun hat. Ja, es gibt eine Verbindung von Armut, mangelnder Bildung, unzureichend ausgebildetem Bewusstsein und Krankheit. Was soll jetzt da ein „Präventionsgesetz“? Unser Sozialgesetzbuch ist dick genug, wir brauchen nicht noch mehr Regelungen. Wie wäre es denn mal mit Bildung? Wie wäre es mit der Förderung einer gesunden Familienstruktur? Wie wäre es denn, wenn unsere Schulen so gut ausgestattet wären wie unsere Krankenhäuser?

Mit dieser Kampagne erreicht man kaum etwas für die „Armen“. Man motiviert sie weder zu mehr Bildung und Bewusstsein für gesundes Verhalten, man verhindert keinen schädigenden Gebrauch von Genussmitteln. Man sagt den „Armen“ indirekt: Es liegt nur an den anderen, dass ihr so krank seid. Eine schlechte Maßnahme, einen Menschen zu gesunden Verhalten zu motivieren.

Übrigens: In meiner gesamten ärztlichen Zeit habe ich es noch nie erlebt, dass einem Menschen wegen seiner fehlenden Krankenversicherung oder wegen seiner Armut eine notwendige medizinische Behandlung verweigert wurde. Dafür bin ich (auch als Arzt) sehr dankbar, dass es in Deutschland immer Wege gibt, solche Probleme zu lösen.

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