In Österreich wird über die Haltung zu „Humane vitae“ diskutiert: Ein Vorstoß, der ein Tabu bricht

Droht ein Schisma in Wien? – ist man versucht, etwas überspitzt zu fragen. Wenn der emeritierte Wiener Weihbischof H. Krätzl seinem kirchlichen Vorgesetzten, Kardinal Schönborn, öffentlich widerspricht („Wien: Weihbischof verteidigt Mariatroster Erklärung“: DT vom 29. Nov.), muss er sich kritische Kommentare, wie den von Stephan Baier „(Nicht weise, nur scheibchenweise“, ebenda), gefallen lassen. Die gleichsam refrainartig in zahlreichen Publikationen und Äußerungen wiederholten monothematischen Ansichten des Weihbischofs – der übrigens als der Wunschkandidat von Kardinal F. König für dessen Nachfolge galt – sind seit Jahrzehnten bekannt. Neu ist es, dass ein anderer österreichischer Bischof begann, über die Angelegenheit mindestens halblaut nachzudenken. Mit Widerständen war und ist zu rechnen. Dass Widerständler sich auf Unterstützung selbst seitens der scheinbar konservativen Kreise und Medien wie die Tageszeitung „Die Presse“ verlassen können, überrascht ebenfalls nicht.

Immerhin hat der Vorstoß von Kardinal Schönborn etwas von einem „Tabubruch“. Zwar wird allgemein unter den Soziologen seit Jahrzehnten ein Zusammenhang zwischen der „Sexualrevolution“ (samt der Erfindung der „Pille“) und der gesellschaftlichen Entwicklung, die eigentlich in Richtung einer demographischen und sozialen Katastrophe geht, gesehen. Die Lehre der Enzyklika „Humanae vitae“ stellte keinesfalls eine Neuerung dar, sondern wandte lediglich Prinzipien der katholischen Morallehre auf die konkrete Frage – neue Methoden – der Empfängnisverhütung dar.

Von der Entscheidung Pauls VI. konnte nur derjenige enttäuscht sein, der gehofft hatte, dass der Papst von den immer gültigen Prinzipien abrücken würde. Ist nicht ohnehin vieles, was bis dato als selbstverständlich und unumstößlich galt, im Rahmen der Reformen ins Wanken geraten? Als die jahrelang erwogene Entscheidung fiel, war es jedoch etwas Neues, dass sich Bischöfe in manchen Ländern – in Österreich und in Deutschland – das Recht ausnahmen, die Lehre des Papstes, die zweifellos in Kontinuität der katholischen Lehre steht, diplomatisch auszuhebeln statt sie zu vertreten und an die Gläubigen weiterzugeben. Und neu war es, dass sie dafür keine Konsequenzen von Rom aus zu erwarten hatten, nicht nur dank des geschlossenen Auftretens. Hinzuzurechnen ist vor allem massive Unterstützung seitens der liberalen und linken Medien, während das Kirchenvolk damals wohl kaum weniger bereit gewesen wäre, auch dann auf die Oberhirten zu hören, wenn sie dem päpstlichen Lehramt gefolgt wären. Die Rede von „Letztverantwortung vor Gott im ehelichen Leben“ schmeichelte durchaus dem Selbstbewusstsein der „mündigen Christen“, die es von den Oberhirten abschauen konnten, wie sie gegenüber dem Papst (letztlich gegen die Lehre der Kirche) ihre Mündigkeit zeigten, um sich gemeinsam nichts vom Letzteren sagen zu lassen.

Der Weihbischof steht voll und ganz zu der Vorgehensweise aus den siebziger Jahren, während der Kardinal auf die gesellschaftliche Dimension beziehungsweise die Folgen und die daraus resultierende Schuldfrage hinweist. Der Kern des Problems – das heißt die theologische Dimension (theologische Gründe der päpstlichen Entscheidung) und die Frage der kirchlichen Disziplin (Gehorsam dem Papst gegenüber) – bleibt bisher leider unberücksichtigt. Vielleicht auch nicht zufällig, denn sonst müsste man feststellen, dass es sich nicht um eine nebensächliche Meinungsverschiedenheit handelt, die bestimmt nicht zufällig über die Medien ausgetragen wird.

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