Fall Vincent Lambert: Europäischer Menschengerichtshof bestätigt französisches Verwaltungsgericht : Wackelige Basis für das Recht auf Leben

Ihren Artikel „Einstellung künstlicher Ernährung erlaubt“ in „Die Tagespost“ vom 6. Juni 2015 kann ich guten Gewissens nicht unerwidert stehen lassen. Er verlangt nach Präzisierung. Schon die unglückliche Verallgemeinerung im Titel, die erst durch den Untertitel beseitigt wird, muss beim Leser zunächst ein Missverständnis bewirken.

Zu den Ausführungen selbst ist zweierlei zu bemerken. Erstens wird Vincent Lambert als Koma-Patient vorgestellt, in Bezug auf den der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nun das Urteil des französischen obersten Verwaltungsgerichts bestätigt hat, nämlich dass es rechtens sei, seine künstliche Ernährung einzustellen. Darunter stellt sich der medizinische Laie einen Patienten vor, der ohne Bewusstsein dahinvegetiert. Vincent Lambert ist nach seinem Motorradunfall von 2008 an Armen und Beinen gelähmt, aber er befindet sich nicht in einem vegetativen Zustand, sondern in einem minimalen Bewusstseinszustand und er ist – wie der französische Fachausdruck heißt – „pauci-relationnel“, das heißt, nur in geringem Maße kontaktfähig. Er ist fähig, zu empfinden und zu fühlen, er aber vermag diese Gefühle wenig auszudrücken. Er öffnet tags die Augen und schließt sie nachts.

Jean-Marie Le Méné, Präsident der Fondation Jérôme Lejeune, die unter anderem Forschungen über das Down-Syndrom fördert, hat ihn in der Universitätsklinik in Reims besucht und meint: „Er ist empfindlich auf bestimmte Stimuli, er lächelt und er weint. In geringem Maße kontaktfähig heißt auch kontaktfähig.“ (zitiert und übersetzt nach einem Artikel in „L'homme nouveau“ vom 23. Mai 2015) Nach seiner Meinung zu den Schmerzen des Patienten befragt, sagte Jean-Marie Le Méné, Vincent Lambert leide nicht mehr als irgendein anderer Patient.

Zweitens bezieht „Die Tagespost“ die Ausdrücke „passive Sterbehilfe“ und „Maßnahmen am Lebensende“ zwar nicht explizit auf Vincent Lambert, aber schafft damit doch einen entsprechenden irreführenden Kontext. Deshalb muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass sich Vincent Lambert nicht in der Endphase einer tödlichen Krankheit befindet und nicht im Sterben liegt.

Schließlich gilt es Folgendes zu bedenken: Wenn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte überprüft, ob der französische Staatsrat die französischen Gesetze richtig interpretiert hat und ob Vincent Lambert durch diese Auslegung ein Menschenrecht inklusive das Recht auf Leben vorenthalten wird, so hat weder der EGMR noch der Staatsrat noch irgendeine Institution in der gegenwärtig vorherrschenden westlichen Kultur nach ihrem Selbstverständnis letztlich ein Argument an der Hand, um Gesetze respektieren zu lassen, außer die Berufung auf den Konsens der jeweiligen Mehrheiten, die sie schaffen. Eine äußerst wackelige Basis für das Recht auf Leben!

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