Euro-Debatte: Die Krise der Währung wird zur Krise Europas : Deutschland war von Anfang an Zahlmeister: An der politischen Realität vorbei

Der Artikel von Herrn Stephan Eisel bezüglich des Euro hat mich hinsichtlich der darin zum Ausdruck kommenden Naivität mehr als nur erstaunt. Der Brief von Herrn Thomas. M. Adam (Tagespost vom 24. Juli) lässt bei grundsätzlich richtiger Sicht wichtige Fakten außer Acht.

Denn beim Aushandeln der Bedingungen für die Einführung des Euro sind die Deutschen doch damals schon von den Franzosen bei einem wichtigen Punkt über den Tisch gezogen worden. Die Deutschen wollten Herrn Deusenberg als Chef der europäischen Zentralbank, weil sie in ihm einen Garanten für die Stabilität des Euro erblickten. Die Franzosen setzten sich durch. Nachfolger wurde nach halber Amtszeit Herr Trichet. Französische Zeitungen jubilierten bei Bekanntwerden diese Ergebnisses lauthals darüber, dass dies das Ende der von Deutschland diktierten Vorgaben bedeute. Mehr noch, es wurde triumphiert, die Einführung des Euro unter der nun zu erwartenden Entwicklung würde ein „Versailles ohne Krieg“ bedeuten. - Liest man in Deutschland eigentlich gar keine französischen Zeitungen?

Im Klartext: Man freute sich schon bei Einführung des Euro in Frankreich darüber, dass man die Deutschen dazu gebracht hatte, an die Franzosen zu zahlen. So ist es dann auch gekommen. Denn im Grunde wird nicht Griechenland gerettet, sondern französische Banken, die in südeuropäischen Volkswirtschaften überproportional vertreten sind.

Was Herrn Kohl im Nachhinein als schlechten Politiker erscheinen lässt, ist die gravierende Fehleinschätzung menschlicher Begehrlichkeiten und Schwächen. Dieses Unvermögen, die Realität menschlicher Bosheit zu erkennen, entstammt möglicherweise einem typisch deutschen Romantizismus. Romantik in der Politik ist sicherer Auslöser von Katastrophen. Wenn nun Präsident Hollande die Beziehung zu Deutschland in der französischen Öffentlichkeit als nützlich preist, sind wir doch wenigstens mit der politischen Realität konfrontiert. Den Deutschen war von Anfang an die Rolle des Zahlmeisters zugedacht. Die Aufregung darüber, dass sie nun tatsächlich zur Kasse gebeten werden, betrachte ich mehr als nur naiv.

Was mich an den ganzen Euro-Diskussionen ärgert sind jene wirtschaftswissenschaftlichen Schlauberger, die sich jetzt überall warnend zu Wort melden. Wo waren die Herren denn bei der Einführung des Euro? Genauso ärgerlich finde ich den Ruf „zurück zum Nationalstaat“. Also bitte, wo leben wir denn? Ist die globale politische und wirtschaftliche Entwicklung an solchen Leuten komplett vorbeigelaufen?

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