„Entweltlichung“ – ein problematisches Papstwort?: Die Mahnung ernst nehmen und befolgen

Zuweilen wundert man sich, wie viele Schwierigkeiten kluge Leute haben, einen einfachen Begriff zu verstehen. Papst Benedikt, schon immer ein Meister treffender Wortschöpfungen, hat bei seinem Besuch den deutschen Katholiken nahegelegt, sich um „Entweltlichung“ der Kirche zu bemühen, und seither gibt es angestrengte Diskussionen, was er denn damit wohl gemeint habe. Schon regt sich Kritik, mit einem missverständlichen Begriff werde der Kirche nicht gedient, ja, es werde eine falsche Richtung gewiesen, etwa der Rückzug der Kirche aus der Welt.

Es sei einem alten Religionslehrer erlaubt, den Ratlosen eine erprobte Hilfe zu geben. Man möge das schwierige Wort einmal von seinem Gegenteil her verstehen. Also: Das Gegenteil von „Entweltlichung“ ist die „Verweltlichung“. Und bitte: Gibt es keine Anzeichen von Verweltlichung in unserer Kirche, keine Notwendigkeit, dagegen anzugehen?

Kardinal Brandmüller sieht solche Anzeichen bei den katholischen Laien-Verbänden und nennt dazu Forderungen wie Frauenpriestertum, Aufhebung des Zölibats, Zulassung ungültig Verheirateter zur Kommunion, Volkswahl der Bischöfe. In der Tat darf man fragen: Haben alle diese jetzt wieder aufgetischten Forderungen ihre Wurzel in dem Willen, entschiedener als bisher dem Evangelium zu folgen – oder wird eher die Neigung sichtbar, dem Zeitgeist zu entsprechen? Indessen: Solche Tendenzen gilt es nicht nur im Bereich der Laien-Organisationen zu überprüfen, sondern ganz gewiss auch in der offiziellen Kirche mit ihren Ämtern und Institutionen.

Atmen unsere Krankenhäuser allesamt wirklich mehr den Geist des Evangeliums als ihre „weltliche“ Konkurrenz? Gibt es Anzeichen von Verweltlichung in unseren Altenheimen, Kindergärten, caritativen Beratungsstellen und Sozialeinrichtungen aller Art? Haben jene Kritiker recht, die sagen: Die Kirche hat sich institutionell übernommen, sie ist bei mancher Einrichtung nur noch „Träger“ im organisatorischen und rechtlichen Sinn, ohne sie mit christlichem Leben zu füllen? Bieten unsere Gymnasien – zum Beispiel beim Kanon der im Deutschunterricht gelesenen Literatur – wirklich eine deutliche christliche Alternative gegenüber staatlichen oder kommunalen Schulen?

Priester und Ordensleute sollten sich nicht ausnehmen aus dem Kreis derer, die der Papst mit der „Entweltlichung“ angesprochen hat. Haben wir Priester uns nicht möglicherweise allzu sicher in Lebensformen und Denkweisen eingerichtet, die eher zum weltlichen Beamtenstand mit seinen Besoldungstabellen, Absicherungen und Pensionsansprüchen passen, ähneln nicht manche in Priesterräten entstandenen Statuten zum Dienst der Pfarrer und Kapläne übermäßig weltlichen Tarifverträgen? Wird wirklich in allen Klöstern die Totalhingabe an Christus geübt, ohne den Drang nach individueller Selbstverwirklichung? Sind unsere Geistlichen Körperschaften und unsere kirchlichen Verwaltungen frei von weltlichem Karrieredenken und Cliquenbildung?

Selbst unsere Bischöfe können gewiss aus dem Wort des Papstes Anregungen schöpfen. Wie weit fließt in ihre massenhaft vorgenommenen Gemeindefusionen rein weltliches, von Industrie-Beratungsfirmen stammendes Denken ein? Könnte es sein, dass bei manchen Verwaltungsreformen die Erhaltung des Apparates Vorrang hat vor dem geistlichen Leben in den Gemeinden? Dürfen vielleicht Bischöfe die Mahnung des Papstes auf sich beziehen, die mit der Millionenfirma „Weltbild“ ein Unternehmen betreiben, dessen Buchsortiment nur mit Mühe von den Auslagen einer Bahnhofsbuchhandlung zu unterscheiden ist? Völlig zu Recht haben unsere Bischöfe das Wort des Papstes von den „Privilegien“ gegen die Missdeutung geschützt, es könne hier die Abschaffung der Kirchensteuern gemeint sein, aber liegen eigentlich diejenigen Leute so falsch, die ähnlichen Eifer und ähnliche Einigkeit beim Kampf gegen die Austrocknung des Bußsakramentes oder die Verflachung des Religionsunterrichtes erwarten? Müssen sich nicht gerade die Oberhirten immer wieder fragen, wie stark bei ihren öffentlichen Äußerungen die Frage eine Rolle spielt, ob sie wohl in der Medienkritik gut abschneiden?

Vielleicht wäre es gar nicht so verkehrt, das Papstwort von der „Entweltlichung“ zum Leitthema des soeben begonnenen Dialogprozesses zu machen – wobei sich freilich auch dieser selbst von Methoden freimachen müsste, die eher zur „Welt“ als zum Evangelium passen. Dazu gehört das Vorgehen nach Regeln politischer Taktik. So setzten sich bei der Würzburger Synode etliche für die „viri probati“ ein, denen es in Wirklichkeit nicht um die bewährten Männer für die Gemeinden, sondern um einen taktischen Schritt zur Auflösung des Priesterzölibats ging. Ehe dergleichen wieder passiert, sei an die päpstliche Mahnung zu absoluter Redlichkeit erinnert. Ein Dialogprozess mit pressure-groups, mit Medien-Druck, Koalitionsbildungen und Umfrage-Manipulationen möge uns erspart bleiben.

Auch in der Kirche Deutschlands gibt es viel Vorbildliches, echte Aufbrüche und hingebungsvollen Dienst. Das darf nicht kleingeredet werden. Aber andererseits darf auch keiner ausgenommen werden, wenn die Kirche wirklich im Geist Jesu Christi erneuert werden soll.

Paulus gibt im Römerbrief die Richtung vor: Gleicht euch nicht dieser Welt an, erneuert euer Denken, fragt, was der Wille Gottes ist (Röm. 12, 2)! Was ist das anders als „Entweltlichung“? Statt das Wort des Papstes zu problematisieren, sollten wir es befolgen.

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