Entsetzen und Fassungslosigkeit: Zum mutwillig herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine in Südfrankreich : Trauer braucht Rücksicht und Gemeinschaft : Das hat Bedeutung für uns alle

Jahrzehntelang waren wir nur Zaungäste, wenn irgendwo auf der Welt ein Flugzeug abstürzte. Aus Berliner Ministerien wurden dann Beileidsbekundungen versandt, die Medien analysierten Unglücksursachen und zeigten auf fernen Flughäfen weinende Angehörige, deren Eltern, Kinder und Freunde nie mehr nach Hause kommen würden.

Jetzt sind es Menschen aus unserer Mitte, die bei dem Absturz in den französischen Alpen ums Leben gekommen sind. Schüler, Babys, Eltern, Ehepartner sind tot. Gestorben am 24. März um 10.53 Uhr.

Fliegen gilt als eine der sichersten Reisearten. Trotzdem passieren immer wieder tödliche Unfälle. Die Ursachen sind unterschiedlich: technisches Versagen, menschliches Versagen oder wie jetzt, die tragische Selbsttötung eines Piloten, wie spekuliert wird.

Wir verdrängen, dass es uns treffen kann. Bis es uns trifft. Es hätte jeden von uns treffen können. Im Moment bleibt nur die Trauer. Die Angehörigen der Opfer wurden sofort von Seelsorgern und anderen Helfern in Obhut genommen. Gut so. Die Mitschülerinnen und Mitschüler der Kinder als Haltern werden von ihren Lehrern, Eltern und Freunden betreut. Es sind Menschen für sie da, die zuhören und Anteil nehmen.

Das Wichtigste ist, die Trauernden nicht alleine zu lassen. Trauer kann nur der empfinden, der den Verlust erlitten hat. Trauer kann man nur alleine erleben, weil Trauer aus der gleichen Quelle kommt, die wir sonst Liebe nennen. Trauer kann man nicht teilen. Aber man kann den Arm um jemanden legen, der still um einen Gestorbenen weint und ihm zeigen: Du bist nicht alleine. Wir halten dich. Der Tod verändert alles. Für die Angehörigen der 150 Opfer des Absturzes wird nichts mehr so sein, wie es vorher war.

Unser verstorbener Vater Fritz Roth hat einmal gesagt: „Der Tod ist eine Art Amputation. Da wird mir etwas Lebenswichtiges abgeschnitten. Dann brauche ich Krücken. Krücken, auf die ich mich stützen kann. Krücken, die eine Hilfe sind und Halt geben können. Krücken, die helfen, Trauer in Bewegung zu verwandeln, um in der Krise irgendwann eine Perspektive zu entdecken. Deshalb ist es wichtig, dass Trauer nicht anonym und in aller Stille mit starrer ,Kopf hoch, das Leben geht weiter‘-Haltung durchlebt werden muss – sondern dass wir unsere individuellen Gefühle in einer Gemeinschaft ausdrücken können, die Halt und eine Heimat gibt.“

Wir sollten uns den Hinterbliebenen zuwenden. Wir sollten ihnen zeigen, dass wir bereit sind, zu versuchen, einfach nur da zu sein und zu stützen. Ohne gutgemeinte Ratschläge zu geben. Trauernde haben keine Wahl, sie müssen aushalten, was geschehen ist. Dabei können wir helfen, einfach dadurch, dass wir uns nicht in ein paar Tagen abwenden und weitermachen wie bisher. Bald wird es wie immer nach Katastrophen heißen: das Leben geht weiter. Das ist falsch. Für die Trauernden wird nichts mehr so sein wie vorher. Darauf sollten wir Rücksicht nehmen.

Trauer braucht Gemeinschaft. Gemeinschaft kann auch ein ganzes Land sein.

Zum Interview von Stephan Baier mit Raphael Bonelli („Ein Psychiater kann Bosheit nicht messen“ DT vom 28. März): Am 24. März ist ein Flugzeug an einem Berg zerschellt. Mit 800 Stundenkilometern wurden Mensch und Material atomisiert. Alle Medien sind voll von diesem Ereignis, tagelang fast keine andere Nachricht. Wie konnte es geschehen? Wo wurden Fehler gemacht? War es die Technik? Oder der Mensch? Oder beide? Ich möchte den vielen Spekulationen nicht eine weitere hinzufügen.

Da sitzen viele, sehr viele Menschen in einem Luftschiff, in einem Boot... und sie merken nicht, dass der Pilot von der vorgesehenen Fluglinie abweicht. Das geht so eine ganze Zeit, nachdem der erste Kapitän das Cockpit verlassen hat. Das Flugzeug ist in der Hand eines jungen Menschen, der eigentlich nie hätte Pilot werden sollen. Die Depression während seiner Ausbildung wurde therapiert. Was blieb, war ein funktionierender, „unauffälliger“ (es ist bezeichnend, dass Nachbarn und Freunde sehr schnell die Unauffälligkeit des ihnen bekannten Amokläufers zu attestieren bereit sind) Co-Pilot mit inzwischen über 600 Flugstunden Erfahrung. Alle Nachprüfungen hatte er bestanden.

Am Tag des Unglücks hätte er eigentlich zu Hause bleiben sollen, es gab eine Krankschreibung. Doch die ignoriert Andreas L. an diesem letzten Tag seines Lebens. Er verriegelt die Tür zum Cockpit. Der herbeieilende Kapitän ahnt Schlimmes, als sie sich auch mit einer Axt nicht öffnen lässt. Mit seinem verzweifelten Rütteln an der verschlossenen Tür steht er für eine zu spät erwachende Menschheit, die durch ihre alternativlose (?) Auslieferung an technische Standards (Impfzwang, Kindergarten-Schulzwang, Kontrollzwang, Wachstumszwang, ESM, TTIP) auf einen Felsen zurast.

Ein Geschehen dieses Ausmaßes hat Bedeutung für uns alle. Die totale Technik (inklusive ihrer Sponsoren in Konzernen, Gesundheitsindustrie und Politik) schwingt sich immer rücksichtsloser auf, Menschsein zu eliminieren. Vor diesem Hintergrund allein die Boshaftigkeit beim „Täter“ auszuloten, ist nachhaltig sinnlos. Sie haben kein Erbarmen mit einem Menschen, der sehr verzweifelt gewesen sein muss, dessen Existenz wohl schon mit jungen Jahren in die Ausweglosigkeit katapultiert wurde. Damit treiben sie die Diskussion, besonders bitter für die Hinterbliebenen, in eine nihilistische Hoffnungslosigkeit.

Fast alle Amok-Täter stehen unter dem Einfluss von Psychopharmaka. Das ist ein Aspekt des zu hinterfragenden Systemzwanges, besonders auch im Hinblick auf immer häufigere Verschreibungen sogar bei Kleinkindern. Ich plädiere gerade in einer katholischen Tageszeitung für einen ergebnisoffenen Deutungsraum im Hinblick auf solch katastrophale Ereignisse.

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