Entdeckung der Geschöpflichkeit

Entdeckung der Geschöpflichkeit

Benedikt XVI. wird zu Ostern neunzig – eine gute Gelegenheit, an sein Wirken zu denken, insbesondere an seine Besuche in Deutschland. 2006 reiste er durch Bayern und hielt die berühmte „Regensburger Rede“, 2011 war er in Freiburg und Berlin zu Gast. Leider wurden die Früchte der Reisen in diesem Zusammenhang kaum bedacht, obwohl Papst Benedikts Besuch in Deutschland 2011 wohl so etwas wie sein Vermächtnis an uns Deutsche ausdrückt. Sicherlich ist im kirchlichen Binnendiskurs die Freiburger Rede über die Entweltlichung immer wieder präsent, aber irgendwie bleibt sie nach wie vor unverstanden. Für mich hingegen war die Bundestagsrede des Papstes prägender. Ich habe diese Rede in der Liveübertragung im Berliner Olympiastadion gesehen. Sie war für die vielen Pilger sozusagen Vorprogramm zur folgenden Messe. Ich weiß nicht, wie sie auf die anderen Pilger gewirkt hat. Für mich wurde sie zu einem Schlüsselerlebnis, das immer noch nachwirkt.

Der Mensch ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur

In seiner Rede hat Papst Benedikt XVI. über die vorpolitischen Grundlagen des Rechts gesprochen und eine Rehabilitierung des Naturrechts angemahnt. In diesem Zusammenhang fiel auch das Zitat über die Ökologie des Menschen: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“ Mancher hat dem Papst vorgeworfen, mit der Polysemie des Naturbegriffs zu spielen. Andere kritisierten ein falsches Verständnis des Naturrechts. Mir ist diese Rede hingegen für meinen intellektuellen Werdegang leitend geworden.

Josef Pieper hat in einem Vortrag über die Kardinaltugenden festgestellt, dass der Existenzialismus das Denken der Moderne ausdrückt. Für Jean-Paul Sartre ist der Mensch sich selbst machende Freiheit. Auch wenn Sartre mittlerweile vergessen ist, diese Überzeugung bleibt für unser heutiges Verständnis des Menschen immer noch maßgebend, insbesondere in der Politik. Dort ermöglichen Mehrheitsentscheidungen, dass die Anthropologie des Menschen als sich selbst machende Freiheit rechtlich, sozial und kulturell verwirklicht wird. Der Mensch schafft sich selbst, indem er die Wissenschaft und die Technik in den Dienst dieses Programms stellt. Hier gibt es keinen Platz für Gott, weil der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist. Papst Benedikt XVI. hingegen skizziert in seiner Berliner Rede die politische Implikation der Ökologie des Menschen aus der Tradition der Kirche.

Naturrecht und Schöpfergott sind aufeinander bezogen

Es geht darum zu verstehen, wie das richtige Handeln des Menschen als Zweitursache zu fassen ist. Die wissenschaftlich-technologische Zivilisation, in der wir leben, zeigt die Macht der menschlichen Vernunft auf. In einer Welt, die wir gemacht haben, scheint es nichts mehr zu geben, das unser Handeln begrenzt. Nur furchtbare Naturkatastrophen oder technische Großunfälle erinnern uns an unsere Geschöpflichkeit. Dieser Begriff wird dadurch negativ geprägt. Menschliches Handeln, auch wenn es qualitativ und quantitativ den Wirkungsmöglichkeiten der Tiere überlegen ist, bleibt dennoch immer geschöpfliches Handeln. Das ist keine Frage von Macht oder Ohnmacht, sondern der Wirklichkeit. Es gibt eine Ordnung, die dem Menschen vorausgeht und deren Ursprung Gott ist. Naturrecht und Schöpfergott sind daher aufeinander bezogen. Wenn der Mensch den Schöpfergott verdrängt, verdunkelt sich auch die Erkenntnis des Naturrechts. Papst Benedikt XVI. hat für mich deutlich gemacht, dass am Grunde der Glaubenskrise unserer Zeit der Verlust der Geschöpflichkeit liegt. Ein Mensch, der sich als Schöpfer seiner Welt versteht, kann nur sich selbst anbeten. Als Geschöpf hingegen öffnet er sich für Gott. In diesem Sinne war die Berliner Rede auch das ideale philosophische Vorprogramm zur Messfeier im Olympiastadion.

Der Autor, 29, promoviert in Lyon

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