Die Stadt Lemberg zwischen rauer Gegenwart und multikultureller Geschichte: Ein Gefühl, dem die Realität verschlossen blieb

Ich war überrascht, in der „Tagespost“ einen Artikel über meine in der westlichen Welt so vergessene, historisch und kulturell so abgesunkene Heimatstadt Lemberg zu lesen (DT vom 26. Juli). In Lemberg bin ich geboren und habe da die ersten zehn ein halb Jahre leben dürfen, bis Hitler und Stalin dieser einst so kulturfreudigen Stadt mitsamt ihren multikulturellen Bewohnern den Lebensfunken nahm. Ich habe drei Jahre die polnische Schule in Lemberg besuchen dürfen, in der ich zur deutsch-katholischen Minderheit gehörte und mit Polen, Ukrainern, Juden, Armeniern in einer Klasse war. Wir Galizier wurden von klein auf zur Höflichkeit erzogen und so ging es auch in den Schulklassen zu. Diese Erfahrung hat mich für das Leben gebildet. Die Jahre danach haben mir gezeigt, wie engstirnig, herabsetzend, dünkelhaft, ja schroff Menschen jeder Altersklasse miteinander umgehen können. Ich bin zweimal in Lemberg gewesen -- das erste Mal litt die Stadt mitsamt ihrer Bevölkerung unter der bolschewistischen Besatzung, das zweite Mal, nach der Befreiung, sah die Stadt gepflegter aus und die Bevölkerung wirkte erleichtert. Von der Bevölkerung waren zu der Zeit fast ausschließlich die Westukrainer geblieben. Lemberg war nicht mehr das Lemberg meiner Kindheit. Obgleich ich beim ersten Besuch, als der Bus den ,russischen‘ Teil der Stadt hinter sich ließ und den Stadtkern erreichte, ein Gefühl hatte, mit dem ich absolut nicht gerechnet habe: „Hier gehörst du hin“. Nur war es halt ein Gefühl, dem die Realität verschlossen blieb.

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16.09.2021, 13 Uhr
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