Dialogprozess in der katholischen Kirche : Fatal: Gas geben und gleichzeitig bremsen

Die kritischen Äußerungen von Thomas M. Adam über den Dialogprozess, der nunmehr in der Kirche stattfinden soll (DT vom 31. Mai), sind sehr begrüßenswert, aber meines Erachtens ergänzungsbedürftig. Seit der Würzburger Synode wird im kirchlichen Raum ununterbrochen über alles und jedes debattiert, wobei schon diese Tatsache bedeutet, dass dies alles auch in Frage gestellt wird: gleich, ob es sich um die Entmachtung der Pfarrer bei der Neustrukturierung der sogenannten Pastoralen Räume, die Jungfrauengeburt oder die Frage handelt, ob die Auferstehung Jesu ein bloßes „Widerfahrnis“ der Jünger Jesu gewesen sei. Denn zum „echten Dialog“, so wird uns in der Nachfolge Hans-Georg Gadamers versichert, für den sich die Wahrheit erst in ihm ereignet, gehört, dass er umfassend ist und möglichst alle zu Wort kommen lässt!

In diesem Sinne hat ein wahrer Paroxysmus des Redens über alles und jedes die kirchlichen Gremien ergriffen und hält sie seit Jahrzehnten in Atem. Das beginnt bei den Theologischen Fakultäten und Katholischen Akademien und setzt sich in den Diözesanforen, Priester- und Pfarrgemeinderäten und vor allem im Zentralkomitee der deutschen Katholiken fort. In dem Maße, indem sich die Krise der Kirche verschärft, verstärkt sich auch der Lärmpegel und nimmt die endlose „Rederitis“ zu.

Übersehen wird, dass es sich um keine Struktur- oder Personalkrise, sondern schlicht und einfach um eine Glaubenskrise handelt, die nicht überwunden werden kann, indem man den Glauben und alles, was sich aus ihm ergibt, beredet und zerredet, sondern sich wiederum darum bemüht, vorbehaltlos und unbedingt all das für wahr zu halten, was die Kirche immer gelehrt hat. Die Situation ist deshalb so gefährlich, weil die Diskutanten zum großen Teil kein solides Glaubenswissen mehr mitbringen. Man denke nur an die katastrophale Situation des Religionsunterrichtes oder den Erstkommunionunterricht, in dem häufig von sogenannten Kommunionmüttern den Kindern etwas vom „heiligen Brot“ erzählt wird, das sie dann empfangen werden!

Unter diesen Umständen halte ich die Empfehlung einer neuen Diskussionsrunde in der Kirche für eine katastrophale Fehlentscheidung. Gewiss betonen die Bischöfe, dass es hier Eckpunkte gibt, an denen nicht gerüttelt werden darf. Doch aus den genannten Gründen erinnert das an Autofahrer, die zugleich Gas geben und bremsen. Denn nach allen Erfahrungen ist damit zu rechnen, dass die Diskussion zum Selbstläufer wird und erneut in Frage stellt, was uns heilig und unantastbar sein sollte. Was herauskommt ist wieder das unwürdige und öffentlich ausgetragene Gezerre zwischen der „Basis“ und der kirchlichen Autorität, welche die Geister, welche sie selbst gerufen hat, wieder in Griff zu bekommen sucht. Wichtig wäre es stattdessen, dass die Bischöfe endlich mit aller Kraft von ihrer Lehrautorität Gebrauch machen und statt nachrangiger Fragen aus dem vorpolitischen Raum endlich die Themen des Glaubens und der Moral auf die Agenda ihrer Konferenzen setzen, die nun schon so lange in Gefahr sind, in Vergessenheit zu geraten, totgeschwiegen zu werden oder zu „verdunsten“, wie man beschönigend sagt: so als handele es sich um ein unabwendbares Naturereignis. Das gilt vor allem auch für das göttliche Gebot der Keuschheit und vorehelichen Enthaltsamkeit, über das man sich nun schon so lange ausschweigt, weil es heute nun wirklich nicht „opportun“ scheint, darüber zu reden.

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