Der Wechsel von Papst Benedikt XVI. zu Franziskus: Der neue Papst setzt eigene Akzente, steht aber in Kontinuität zu seinen Vorgängern: Die Fußwaschung im Gefängnis war ein Zeichen: Den Papst nicht vor den eigenen Karren spannen

„Die Tagespost“ hat den überraschenden Pontifikatswechsel vorbildlich begleitet. Nur in Kleinigkeiten waren Fehler manchmal unvermeidbar. In der Predigt vom 24. März (DT vom 26. März) hätte nicht „Schweißtuch“ stehen dürfen; „sudario“ (span.-ital.) hätte mit Leichenhemd übersetzt werden müssen; von KNA wurde die Fehldarstellung übernommen, das Wappen des Papstes enthalte eine „Traube“ (statt der Nardenblüte) und das Pallium werde durch „fünf rote Kreuze“ geziert. Es sind sechs, weil zu den heiligen fünf Wunden (eine Andacht, die jünger ist als das Pallium) noch die Kopfwunde der Dornenkrone hinzuzuzählen ist.

Blicken wir aber auf das Wesentliche. Denn: es ist die „süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden“ (Paul VI.). Mit der Entscheidung, die Missa in Coena Domini unter Kriminellen, abseits der Öffentlichkeit zu feiern, Gefangene zu besuchen, hat Papst Franziskus ein Zeichen echter Fußwaschung gesetzt, die ja seit alters zur Liturgie vom Gründonnerstag (dem „greinenden“ Donnerstag) gehört. Zugleich richtete er damit am Vormittag die Aufmerksamkeit auf die öffentliche Liturgie der Chrisam-Messe, in der einmal mehr Leitmotive seines Verständnisses vom Priestertum aufleuchteten. Die Salbung Aarons muss die Säume seiner Gewänder erreichen (Ps 133), gleichsam die Enden der Erde.

Das ist ein feurig missionarischer Ansatz, den erste Kritiker des Seelsorge-Papstes aus Buenos Aires so nicht erwartet hatten. Anscheinend gelingt es Bergoglio, eine Brücke von Paul VI. zurück zum hl. Pius X. zu spannen, mit spiritueller Leichtigkeit und zugleich erdenschwerer Klarheit um die Gefahren, die heute uns allen vom Dämon drohen, den er oft beim Namen nannte.

Das kurze Manuskript, das, eine freie Rede im Vorkonklave nachzeichnend, auf dem Umweg über Kuba der Weltöffentlichkeit bekannt wurde, stellt sein Pontifikat sozusagen unter ein Motto von Papst Montini, die Freude der Evangelisierung, um dann aber in eine Aussage einzumünden, die in dieser Klarheit seit Papst Sarto nicht mehr ausgesagt wurde: Auftrag der Kirche ist es, „Seelen zu retten“, im Diesseits für das Jenseits. Da spricht uns doch mittelbar St. Jean Marie Vianney an; oder eine Priestergestalt, die auch Georges Bernanos hätte zeichnen können?

Voreilige Jubler wie Andreas Englisch, der im ZDF schon am 20. März wusste, dass Francesco zum „Revolutionär“ tauge, werden sich noch die Augen reiben: Es ist wieder einmal, wie schon lückenlos seit Pius X. geschehen, vor allem ein „sacerdos“, ein Priester also, zum Pontifex erwählt worden, sogar ein Jesuit. Das ist in diesem Fall ein Qualitätsmerkmal, denn die Berufung in die Gesellschaft Jesu erreichte Bergoglio noch „vorkonziliar“. Er wurde zum Seelsorger und Beichtvater „alter Schule“, bevor Johannes Paul II. das verborgene Talent für die Leitung der schwierigen Diözese Buenos Aires gewann.

Viele brennen darauf zu erfahren, wie Papst Franziskus mit der römischen Liturgie zu verfahren gedenkt. Dazu sei hier die kühne Prognose gewagt, dass er, von einigen Stilfragen abgesehen, keinen Bruch zu der von Benedikt XVI. eingeleiteten Sanierung der Liturgiereform wird aufkommen lassen. Eine selbstreferenzielle Auffassung von Liturgie hat bei ihm offenbar keine Chance. Dazu ist ein Ordenspriester zu sehr Beter: Nichts wird dem Gottesdienst jemals vorgezogen werden, aber die Verkündigung soll die Menschen auch erreichen.

Das ist Gottesdiensten „deutscher Fasson“ seit 1964 immer weniger gelungen, unter Behauptung des Gegenteils. Denn „das Wort“ erreicht die Menschen nicht ohne das Sakrament. Anders als bis 2007 ist es „post Benedictum“ heute nahezu allgemein anerkannt, dass die Reform der Liturgie um 1970 unvollendet blieb. Als Ereignis enthielt sie sogar Gefahrenpotenzial für das Wesen der Liturgie selber. Das kommt im neuen Buch von Jörg Ernesti über Paul VI. gut zum Ausdruck (S. 131–139): „Verschärft wurde die nachkonziliare Krise durch die Liturgiereform und ihre Folgen.“ Die Erlaubtheit, dogmatische Richtigkeit und in weiten Teilen auch sprachliche Höhe des Missale Romanum von 1970 (Originalversion) bleibt über jeden Zweifel erhaben. Es täte dem Europa ohne Wurzeln von heute aber gut, wenigstens an markanten Punkten, kühn zur Latinitas zurückzukehren.

Diese hindert, wohl übersetzt ins Leben, die Evangelisierung nämlich nicht, sondern ist selbst tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden, das schon seit mehr als zwei Jahrtausenden unter uns anwesend ist, mitunter verborgen, aber nie „in extremis“, immer nah. Die Chrisammesse des Heiligen Vaters am Gründonnerstag war Römische Messe im besten Sinn; am Abend desselben Tages wagte er aber zugleich auch neue Wege. Da kommt noch mehr, in beide Richtungen.

Auch ich möchte der „Tagespost“ danken für die gute Berichterstattung nach dem Papstrücktritt, zum Konklave und jetzt zum Beginn des neuen Pontifikates. Besonders dankbar bin ich dafür, dass in der „Tagespost“ nicht neuer und alter Papst gegeneinander ausgespielt werden, wie das jetzt vielfach zu beobachten ist. Jeder der Päpste hat seinen eigenen Stil. Das gilt seit Petrus und ist heute nicht anders. Versuche, den neuen Papst vor den Karren der eigenen Anliegen zu spannen und dabei einen möglichst großen Unterschied zu Benedikt XVI. zu konstruieren, sind weder fair noch entsprechen sie der Realität.

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