Der Streit um den Religionsunterricht in Berlin und der gescheiterte Volksentscheid: Jugendweihe, die zweite: Die Situation ist auch eine Chance: Metropole der Atheisten: Wowereit: Da fehlen einem die Worte

Zum Leitartikel „DDR als Vorbild“ (DT vom 28. April): Der Volksentscheid über die Gleichberechtigung von Ethik und Religion betrifft mich als Berlinerin persönlich. Zwar nicht direkt, da ich schon lange nicht mehr zur Schule gehe, aber vielleicht später einmal meine Kinder – sollte ich denn welche haben. Die Überschrift des Artikels von Alexander Görlach scheint mir jedenfalls sehr treffend gewählt zu sein. Mich erinnert die Einführung des allgemein verpflichtenden Ethik-Unterrichts (ohne die Alternative Religionsunterricht) schon seit langem fatal an die Einführung der Jugendweihe in der DDR, welche ganz unverhohlen den Zweck erfüllte, die evangelische Konfirmation zu verdrängen und damit den Einfluss der Religion zurückzudrängen.

Auch damals ging es nicht um eine Alternative für Konfessionslose (was ich für vollkommen legitim halte), sondern darum, aus den DDR-Bürgern gute Sozialisten und Atheisten zu machen. In ähnlicher Weise scheint mir der Ethik-Unterricht in Berlin nun den Zweck zu erfüllen, dem Senat die Deutungshoheit über Werte (oder auch nur angebliche Werte) zu sichern und die Religion zu verdrängen.

Um es klarzustellen, gegen ein Fach, das allgemein über die verschiedenen Religionen informiert, ist im Prinzip nichts einzuwenden. Doch müsste so ein Fach wohl besser „Religionskunde“ oder „Weltanschauungskunde“ heißen. Die Bezeichnung „Ethik“ weist jedoch schon darauf hin, dass es bei diesem Fach nicht um neutrale Informationsvermittlung geht. Denn der Begriff „Ethik“ ist eben nicht neutral. Er weist auf Erziehung und Unterweisung hin. Welche Ethik? Welche Erziehung?, stellt sich da sofort beim Hören die Frage. Aber auch ein nicht neutraler Ethik-Unterricht wäre nicht weiter schlimm, solange es für die Kinder eine Alternative gäbe.

So aber bleibt beim Berliner Modell der fade DDR-Beigeschmack. Zu Recht wurde auch immer wieder betont, dass die Initiatoren von „Pro Reli“ keinesfalls irgendetwas Revolutionäres forderten, sondern lediglich etwas, was in fast allen anderen Bundesländern eine Selbstverständlichkeit ist: die Gleichberechtigung von Ethik und Religion. Wenn es übrigens noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Berliner Modell nicht ohne ideologischen Hintergrund ist, dann wurde dieser durch die Wahlplakate der „Linken“ geliefert. Besonders übel ist mir dabei jenes Plakat aufgestoßen, welches titelte: „Religion ist freiwillig“ und dann dazu aufforderte, mit „Nein“ zu stimmen, damit dies auch so bliebe.

Diese Formulierung implizierte jedoch die Behauptung, die Initiative „Pro Reli“ wolle Schüler zum Religionsunterricht zwangsverpflichten, was aber eben gerade nicht der Fall war. Ganz klar: Dieses Plakat war ein Beispiel von gezielter Fehlinformation, Manipulation und schlicht eine infame Lüge. Wer soll da noch glauben, Ethik-Unterricht sei neutral?

Zu „DDR als Vorbild“ von Alexander Görlach (DT vom 28. April): Gemach, gemach. Das Scheitern von Pro Reli heißt doch nicht, dass die DDR Schulpolitik wieder lupenrein auflebt. Immerhin gibt es heute demokratisch legitimierte Lehrpläne. Und in Zukunft werden christliche Eltern hoffentlich genau darauf achten, was man den lieben Kleinen so alles im Ethikunterricht vorsetzt.

Ich habe natürlich (trotz Bedenken) für Pro Reli gestimmt. Das war aber eher eine Frage der Loyalität. Außerdem habe ich mein Auto mit Pro Reli Aufklebern zugekleistert. Trotzdem: Allein in meinem durchaus christlich angehauchten Bekanntenkreis hat es viele andere Meinungen gegeben. Man wollte dem Religionsunterricht nicht ans Leder, aber eben auch sicherstellen, dass Immigranten, Muslime und andere irgendeine Form des vermittelnden Werteunterrichts aus unserer europäischen Tradition heraus bekommen und sich nicht ausschließlich in ihren jeweiligen Religionsunterricht flüchten. Das ist doch zumindest nachvollziehbar und nicht ehrenrührig?

Die neue Situation ist auch eine Chance für den christlichen Religionsunterricht, wieder authentischer zu werden und eben nicht nur ein christlich angehauchter Ethikunterricht zu sein. Denn nun muss man das eigentliche Profil endlich einmal schärfen. Konkurrenz belebt das Geschäft!

Im Übrigen: Das letzte Mal, dass ich von meinem Bischof angeschrieben wurde, war kurz nach der Beinahepleite des Erzbistums Berlin. Da bekam ich einen Spendenaufruf. Diesmal zwei Wahlaufrufe Pro Reli. Was wäre eigentlich, wenn man das gleiche Engagement und Geld wenigstens alle fünf bis zehn Jahre in eine breite Volksmission in unserer ach so entchristlichten Hauptstadt stecken würde?

Es gibt wohl kaum ein Volk auf der Erde, in dem die Religion, welcher Art auch immer, nicht höchstes Kulturgut ist. Dies ist nicht nur eine Übernahme von Traditionen, sondern ein Gebot der reinen Vernunft. Und doch gibt es in Deutschland ein Multi-Kulti-Konglomerat, genannt Berlin, die Atheisten-Metropole, in der Religionsunterricht als Schulpflichtfach verboten ist. Berlin, eine Stadt, die sich nicht einmal selbst ernähren kann, sondern mit Milliardenbeträgen von den Ländern subventioniert wird, die sich eine gesunde Kulturstruktur erhalten haben. Ist diese Verschleuderung von Steuergeldern noch weiter zu verantworten? Dieses Berlin jedenfalls ist keine Reise mehr wert.

Es ist beschämend, wie selbstherrlich Klaus Wowereit in Berlin aufgetreten ist. Allein die Vorstellung, Herr Wowereit könnte tatsächlich eines Tages nach dem Kanzleramt greifen, lässt einen schaudern. Der Mann ist ein Ideologe reinsten Wassers. Seine politische Bilanz in Berlin ist verheerend. Aber ganz offensichtlich geht es auch gar nicht um Leistung und Kompetenzen, sondern darum, dass er einen Typus verkörpert, der in Berlin gerne an der Spitze der Stadt gesehen wird. Als Berliner Partymeister hat er sich einen Namen gemacht. Früher hätte man sich dafür schämen müssen. Heute sagt man einfach „Berlin ist arm, aber sexy“ und gewinnt mit soviel Hohlheit auch noch Wahlen. Da fehlen einem die Worte.

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