Der Streit über die Thesen Thilo Sarrazins: Auch eine „Abschaffung“ der Demokratie droht

Zum gelungenen Leitartikel „Deutsche Denkverbote“ (DT vom 28. August) und Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ meine ich: Wie treffend doch der Titel ist, wenn man die Reaktionen auf Sarrazins Buch liest und hört. Wahrlich: Es bricht eine Hatz los, die nur allzu deutlich zeigt, auf welch dünnem demokratischen Eis unsere Republik steht. Eine Bundeskanzlerin äußert sich über ein von ihr nicht gelesenes Buch in der gleichen populistischen Manier wie sie es bereits gegenüber Papst Benedikt XVI. tat. Die SPD droht mit Ausschluss, die Politiker fordern einen direkten politischen Eingriff in die Autonomie der Bundesbank und die jüdischen Vereinigungen reagieren in stereotyper Weise mit dem Antisemitismusvorwurf.

Diese Hysterie gegen ein Buch, das einige Schwächen und Ungereimtheiten haben mag, demaskiert in dramatischer Weise eine Gesellschaft, die in geradezu panischer Angst zentrale Tabus schützt. Eine solche, einen öffentlichen Diskurs bereits im Ansatz unterdrückende Gesellschaft ist in der Tat nicht fähig, sich nicht abzuschaffen. Sie schafft sich ab, wenn sie nicht auch in möglicherweise etwas verquer daherkommenden Begründungen zentrale Wahrheiten sucht. Geradezu froh sollten wir alle sein, dass Sarrazin ein Thema aufgreift, das in ganz Europa den rechten Rattenfängern Zulauf verspricht, und zwar weil die Gesellschaft Probleme der Einwanderung unbeachtet lässt, unter dem Mantel des „Wir sind alle lieb miteinander“ als Tabu versteckt. Bücher werden dort verboten und zensiert, wo eine Gesellschaft Angst vor sich selber hat. Genau dann beginnt die „Abschaffung“ der Demokratie. Keiner der Kritiker möge sich aufregen, wenn die Rechten Zulauf erhalten. Verstockte Gesellschaften brechen immer wie Geschwüre auf. Davor will das Buch von Sarrazin warnen.

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