Der Philosoph Odo Marquard sieht in der Geschichtsphilosophie die Verdrängung der Theodizee: Optimismus als Ideologie

Man muss Alexander Riebel und der DT dankbar sein für die ausführliche Besprechung der unter anderem gegen den Fortschrittsoptimismus gerichteten Textsammlung von Odo Marquard: „Skepsis in der Moderne“ (DT vom 24. Januar, Seite 10). Seit dem Konzil und besonders seit der von Welteuphorie getragenen Konzilserklärung „Gaudium et Spes“ ist der Optimismus für alle zur Pflichtübung geworden, die in der Kirche zu Wort kommen und Einfluss ausüben wollen. Er verhindert eine klare und nüchterne Sicht der Dinge und ist hier genauso schädlich, wie die beschwingte Diagnose eines Arztes, der die Schwere der Krankheit seines Patienten partout nicht wahrhaben will.

Theologisch wird diese Verpflichtung zum Optimismus durch seine uneingestandene, aber inzwischen allgemein verbreitete Gleichsetzung mit der zweiten göttlichen Tugend, der Hoffnung, gerechtfertigt. Im Gegensatz zu ihr ist der Optimismus ein Kind des zutiefst „jenseitsfeindlichen“ Fortschrittsglaubens, der die Aufklärung kennzeichnet. Dieser ist trotz ihrer immer wieder betonten Rationalität von der irrationalen Hoffnung getragen, dass es mit der Welt und der menschlichen Gesellschaft immer weiter aufwärts gehe, wenn wir nur endlich „vernünftig“ werden, wobei ich es mir hier versagen muss, auf die kryptischen Implikationen dieses Vernunftbegriffes einzugehen.

Verstärkt wird dieser Optimismus heute in der Kirche durch die schon genannte Welteuphorie, die weder im biblischen Welt-Begriff noch in der traditionellen kirchlichen Rede vom irdischen Jammertal begründet ist, das diese erbsündliche Welt bei all ihrer Schönheit auch immer ist. Theologisch fragwürdig ist auch die wohlfeile Auskunft, die sich am besten in der Spruchweisheit zusammenfassen lässt: „Der Herrgott wird's schon richten !“ Gewiss hat uns Christus die Verheißung gegeben, dass die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, aber der „Herrgott“, wie es schulterklopfend immer heißt, hat auch den dreißigjährigen Krieg, die Kirchenspaltung, die Aufklärung und die französische Revolution zugelassen. Und wir haben nicht das Recht, uns so wie Leibniz zu gerieren, der in seiner allzu billigen „Theodizee“ oder „Rechtfertigung“ Gottes so tut, als habe man selbst im Rate Gottes gesessen und wüsste deshalb ganz genau, wann und unter welchen Umständen er rettend eingreifen werde.

Der Optimismus wird heute verstärkt durch die einseitige Fixierung aufs Positive, die große katholische Laienorganisationen kennzeichnet und sie daran hindert, die Krise der Kirche offen und ehrlich ins Auge zu fassen und nach den Gründen zu fragen, warum wir heute diese schreckliche Erosion haben: kaum noch Priester- und Ordensnachwuchs, immer mehr Kirchen, die geschlossen werden müssen, wachsende Protestantisierung ohne „Aussetzung“, Beichte usw.

Das alles bedeutet keineswegs, dass wir den Kopf hängen lassen und Miesmacher werden sollen. Ganz im Gegenteil haben sich Größe und Standfestigkeit des Glaubens immer darin erwiesen, dass die wahren Katholiken von unverwüstlichem Humor sind, der heute allerdings den widerstreitenden Lagern in der Kirche so sehr abhanden gekommen ist. Im Unterschied zu ihm wird schon seit Jahrzehnten ein forcierter Frohsinn gepflegt. Während der Glaube immer mehr verdunstet, bestätigen sich alle mit frohem Herzen, dass sie eines Glaubens seien und es ist üblich geworden, sich nicht herzlich, sondern allemal „mit frohem Gruß“ zu verabschieden. Erstaunlicherweise bekunden auch einige Oberhirten immer wieder ihren Optimismus und ihre Zuversicht, die sie mit dem neuen religiösen Frühling begründen, der nunmehr angebrochen sei. Aber dieser richtet sich bekanntlich auf eine esoterische Patchwork-Religion, die der Kirche weit mehr schadet als nutzt und das sollte man auch im Zeitalter eines um sich greifenden Synkretismus realisieren!

Nun ist es sicher jedem unbenommen, in welche Stimmungslage er sich versetzen will. Aber der Optimismus ist so gefährlich, weil er die richtige Diagnose verhindert und nur darum geht es uns. Sind es doch offensichtlich die unentwegten Optimisten und Beschwichtiger, die die Schuld für die Selbstzerstörung der Kirche immer nur bei den anderen, den bösen 68ern und ihrer Kulturrevolution oder ganz allgemein bei der Säkularisierung und anderen anonymen Faktoren suchen und damit jede ernsthafte Suche nach den wahren Gründen umgehen. Nur ihre Erforschung und Erkenntnis aber könnte zur Therapie führen.

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