„...dass in eine Zeit, die so ohne Boden ist, ein Mann gestellt wird wie Guardini...“: Die Wahrheit sagen: Ein Geschenk, das allen dient

Gabriele Kuby legt dar, wie die Gender-Ideologie die Wirklichkeit leugnet und somit Grundlagen zerstört (DT vom 26. Juli). Es geht um die Wahrheit des Menschen. Zum Komplex der Lüge fand 1945 der nun im Ruf der Seligkeit stehende Guardini folgende Worte (Romano Guardini: 1945. Worte zu Neuorientierung, Schöningh-Verlag, Ostfildern, Paderborn 2016): „Der Mensch wird im Geiste krank, wenn er von der Wahrheit abfällt. Nicht schon dann, wenn er lügt; auch nicht, wenn er es oft tut. Das ist natürlich schlimm, zerrüttet aber sozusagen nicht das Mark des Geistes. Das geschieht dann, wenn der Mensch überhaupt die Wahrheit nicht mehr empfindet, wenn er sie abschafft; wenn er sich und andere gewöhnt, nicht mehr zu fragen: was ist wahr? – sondern: wie erreiche ich, was ich will? Dann wird der Geist krank, und das ist furchtbar.“ Hier wird Guardinis Meisterschaft deutlich, mit einfachen Worten Wesentliches zur Sprache zu bringen, und das heißt: die Wahrheit zu sagen.

Es wäre ein großes Geschenk für alle Christen, für die Kirche und für alle Menschen, wenn Romano Guardini zur Ehre der Altäre erhoben würde. Außerdem wäre es Zeugnis für die Weite und Tiefe christlichen Denkens und Lebens. Dazu hat Frau Gerl-Falkowitz dankenswerterweise schon beträchtliche Vorarbeit geleistet in der literarischen Herausgabe einer Guardini-Biografie und in der Publikation vieler seiner Werke. In Zeiten weltweiter Veränderungen in Kirche und Gesellschaft ist Romano Guardini sicher eine der Persönlichkeiten, welche seismografisch diese Veränderungen gespürt, früh ins Wort gebracht und auch mit seinem „alles an seine richtige Stelle bringenden, klaren sauberen unbestechlichen Geist“ Wege aufgezeigt zu haben, um die Orientierung nicht zu verlieren. Worin liegen nun aber solche, an die „richtige Stelle [bringende]“ Fingerzeige, um die Richtung der Veränderungen auszuloten, wobei es naturgemäß auch keine mechanisierten Denkmuster für diese große Aufgabe geben kann? Es müssen nun die Lebens- und Denklinien menschlicher Vernunft aufgezeigt werden, worin dann Romano Guardini als Person, als „Bekenner und Menschenbildner“, als „ungewöhnlicher Erzieher und Meister der Menschenbildung“ allen [Christen-] Menschen Orientierung zu geben vermag. Aus dem großen Fundus eindrucksvoller Beispiele zu diesen Lebens- und „bezwingenden“ Denklinien möchte ich zwei benennen: 1) Josef Pieper beschreibt in seinem Essay zum Goethewort „Bedeutende Fördernis durch ein einziges Wort“, wie ihm Romano Guardini „in den Grund der Seele dringende Erkenntnisse zuteil werden […]“ lässt, um die er lange gerungen hatte und von denen er sagt: „Ich wollte den Zipfel, der mir äußerst wichtig erschien, den ich freilich noch nicht recht zu fassen bekommen hatte, ich wollte diese kristallische Struktur, die ich, höchst undeutlich noch, im Flüssigen sich bilden sah, mehr ahnte als sah – ich wollte dies um keinen Preis aus dem Griff und aus den Augen lassen. Und was nun geschah, als ich Sie sprechen hörte, nein, als ich diesen einen Satz vernahm, das war nichts anderes als eben dies: der Kristall schoß im Nu zu klarer Gestalt zusammen!“

2) Ein auch heute besonders wichtiges Merkmal in der bei Guardini so gelungenen „Verbindung von Person und Gedanken“ scheint mir die gänzliche Absichtslosigkeit in seinem Leben und in der (akademischen) Verkündigung der göttlichen Wahrheit zu sein, so dass er in völliger Übereinstimmung mit sich selbst sagen konnte: „Die Wahrheit ist eine Macht; aber nur dann, wenn man von ihr keine unmittelbare Wirkung verlangt [...] Wenn irgendwo, dann ist hier die Absichtslosigkeit die größte Kraft. […] Liebe ist zugleich Ehrfurcht. Sie tastet nicht andere an, herrscht nicht, vergewaltigt nicht, sondern dient.“ Gerade in Zeiten größter Instrumentalisierung der Menschen von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Medien und Bildung und auch aktuell in den nicht abnehmenden Wirren von jeglicher Gewalt und Terror, scheint mir dieser Aspekt besonders wichtig und durchtragend zu sein für das Gewinnen von (jungen) Menschen für die christliche Offenbarung. Wohl auch, weil die Menschen die Sehnsucht nach Freiheit und Annahme um ihrer selbst willen heute deutlicher denn je spüren. In diesem Sinne verstehe ich auch die treffenden Sätze von Karl Kardinal Lehmann, als ihm 2014 der Guardini-Preis verliehen wurde: „Guardini wollte brüderlich zeigen, was er sieht, und sagen, was er hört, vertrauensvoll und arglos, demütig und offen. Vom Glauben her wollte er die lebendige Wirklichkeit der Welt verstehen. Er suchte so das Menschliche im Christlichen und das Christliche im Menschlichen. […] ,Noch zur Zeit meiner ersten theologischen Studien wurde mir etwas klar, das von da ab meine ganze Arbeit bestimmt hat: Was den modernen Menschen überzeugen kann, ist nicht ein historisch oder psychologisch oder wie immer modernisiertes Christentum, sondern nur die uneingeschränkte und ungebrochene Botschaft der Offenbarung. Natürlich ist es dann die Aufgabe des Lehrenden, diese Botschaft mit den Problemen und Nöten unserer Zeit in Beziehung zu setzen. Ich habe das in den verschiedensten Milieus zu tun versucht, darunter zwanzig Jahre lang in der gewiss wenig christlichen Luft von Berlin. Die Erfahrung war immer die gleiche. Was der heutige Mensch zu hören wünscht, ist die volle und reine christliche Botschaft. Vielleicht sagt er dann nein zu ihr; aber er weiß wenigstens, worum es geht. Diese Erkenntnis hat sich immer aufs Neue bewährt.‘ Dies scheint mir das bleibende Testament Romano Guardinis auch für unsere Zeit zu sein.“ Und dem muss man dann nichts mehr hinzufügen und belegt eindrucksvoll noch einmal das zu wünschende, große Geschenk, welches zudem allen (Christen) Menschen dient.