Das Leben an seinem Anfang und Ende schützen: Irrtümlich leben: Gibt es das?

Die Diskussion um den Schutz des menschlichen Lebens ist uralt und wird andauern solange es Menschen gibt. Ich kenne keine Zeitung, die darüber je und je so ausführlich berichtet und Stellung bezieht, wie „Die Tagespost“, dabei stehen sowohl der Beginn wie das Ende des Lebens im Brennpunkt des Interesses. Papst Benedikt XVI. hat bei der Audienz für die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre (DT vom 2. Februar) u.a. die unbedingte Achtung des Menschen als Person, von seiner Zeugung bis zu seinem natürlichen Tod, als fundamental bezeichnet und warnt vor Grenzüberschreitungen. Sowohl am Beginn, wie am Ende des Lebens werden Irrwege beschritten, die zu Grenzüberschreitungen führen; am Beginn des Lebens geschieht dies z. B. bei der Fortpflanzungsmedizin (künstliche Befruchtung!) und am Ende des Lebens z.B. bei der Transplantationsmedizin.

Natürlich lehne ich Fortpflanzungs- und Transplantationsmedizin nicht in Gänze ab, sondern nur dann, wenn es dadurch zur Vernichtung von Menschenleben kommt, auch wenn dies unter dem Vorwand der Nächstenliebe zu Therapiezwecken geschieht. In Österreich ist nun vom Höchstgericht ein Urteil gesprochen worden, das zumindest jedem Gläubigen einen Irrweg am Beginn des Lebens demonstriert, indem es den Unterhalt eines nichtgewollten behinderten Kindes als Schaden definiert. Das ist Utilitarismus in Reinkultur, in dem ausschließlich diesseitsgerichtete Nützlichkeit zum Ausdruck kommt. Wahrlich eine „Kultur des Todes“ in seiner Doppelbedeutung: Vernichtung von menschlichem Leben und Abkehr von Gott. Wem gehen eigentlich die ersten beiden Sätze des Artikels von Stephan Baier in der DT vom 8. März zu diesem Fall nicht unter die Haut? Ich wiederhole sie nochmal: „Gibt es Menschen unter uns, die eigentlich irrtümlich leben, weil man sie versehentlich nicht abgetrieben hat? Darf man einem Menschen sagen, dass man ihn sicher pränatal getötet hätte, wenn man gewusst hätte, dass er so ist wie er nun einmal ist?“ Bei der Tranplantationsmedizin ist der Irrweg nicht so leicht zu erkennen, wie bei einer Abtreibung. Er beginnt mit der bewussten Irreführung durch die Wortwahl „Hirntod“. Es handelt sich hier zunächst aber um ein Hirnversagen, das über Multiorganversagen in den meisten Fällen zum Tod führt, jedoch nicht immer. Bei den Hospiztagen 1998 in Ludwigshafen habe ich einen Mann kennengelernt, dessen Tochter aufgrund der Hirntodfeststellung explantiert werden sollte, aber überlebt und nach der Genesung weiterstudiert hat.

Hirnversagen ist für sich alleine zur Definition des Todes ungeeignet, aber als „Hirntod“ notwendig für die Transplantationsmedizin. Die Schwierigkeiten für den Lebensschutz am Lebensende werden auch deutlich durch den kurzen Artikel „Kontroverse um Hirntod: Tatsächliches Lebensende?“ auf Seite 7 der DT vom 6. März und die Reaktion darauf im Leserbrief von Anton Graf von Wengerski am 8. März.

Das Sterben kann bekanntlich ein sehr lange dauernder Vorgang sein, an dessen Ende der Tod augenblicklich eintritt. Bischof Elio Segreccia spricht in seinem Bericht über die XIV. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben (DT vom 6.3.) von „einem feierlichen und heiligmäßigen Augenblick, den wir in innerer Sammlung und voller Liebe betrachten müssen“. Wer glaubt eigentlich, dass das bei der Explantation auf dem Operationstisch möglich ist?

Was bei der Explantation geschieht, ist in meinen Augen aktive Sterbehilfe, und so sehen es auch viele Organspender. Im Vordergrund steht die Angst, nach einem Hirnversagen behindert oder gar im Siechtum weiterleben zu müssen. Es liegt mir fern, die Gefühle von Betroffenen, Spendern wie Empfängern, zu verletzen, und ich respektiere ihre Entscheidung. Meine Kritik richtet sich gegen die Mitwirkenden in der Gesellschaft. Ich wünsche mir von den Kirchenführern noch mehr Mut, von den Politikern mehr Ehrlichkeit und von den Medizinern mehr Demut. Diesseits und Jenseits, die sichtbare materielle und die unsichtbare geistige Welt, sind die beiden Seiten einer Medaille und die heißt: Leben. Mit Ethik alleine lässt sich in der irdischen Finsternis der wahre Weg nicht finden, es ist dazu auch das Licht des Glaubens erforderlich.

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