Charismatische Erneuerung auch im Alltag erleben: Die Schwierigkeit, Kontakte herzustellen: Glücksmomente in Gebetskreisen

Die Definition des griechischen Worts „Charisma“: „außergewöhnliche, nicht alltägliche Begabung eines Menschen“ stellt einerseits nicht gerade bescheidene Ansprüche dar und ist andererseits für meine Wahrnehmung eine gewisse Begrenzung. Ob sie ausreichend bekannt ist bei denen, die der charismatischen Bewegung als Ganzes angehören, habe ich nicht zu beurteilen.

Was mich betrifft, bin ich von der Orientierung durch die katholische Jugendbewegung von Romano Guardini geprägt. Sie war in der liturgischen Bewegung beheimatet und von dort her wesentlich bestimmt. Guardini war als Kind italienischer Eltern früh nach Deutschland gekommen und hat dort seine Schulzeit verbracht. Als Einziger in der Familie – Ältester unter vier Brüdern – hat er die deutsche Staatsbürgerschaft erworben und seine Lebenswirklichkeit als Lehrstuhlinhaber für Theologie und charismatischer Jugendführer aufgebaut, eine umfassende Tätigkeit auch als Autor theologischer Literatur, deren Nachlass durch das Sachverständigengremium für uns, die seine Werke kennen, aber auch für die, die seinen Namen noch nicht gehört haben – und das ist unsere Jugend – in Treue bewahren.

Was er damals (nach dem Ersten Weltkrieg) der Jugend vermittelte, war eine Lebensgestaltung im Reichtum des katholischen Glaubens, eine Weltfrömmigkeit in neuer Gestaltung, also auch Verantwortlichkeit, die nichts ausschließt. Sein Schrifttum ist heute noch aktuell (etwa die Briefe zur Selbstbildung). Damit bin ich beim Kern der Sache, die in ihrer Bedeutung vielfältig ist und ihre Ausfaltung nur in diesem Zusammenhang erfahren kann. Soviel sei aber vorweg betont: Was als irreparable Folgen der 68er Kulturrevolution seither in Deutschland Realität ist, hätte durch Weitsicht und Erkenntnis unserer Oberhirten, „die Zeichen der Zeit“ zu benennen und entsprechend zu handeln, eine andere Wendung genommen.

Die Veröffentlichung des Dokuments „Iuvenescit Ecclesia“ (DT vom 16. Juni) veranlasst mich zu einigen Feststellungen:

Wenn die charismatischen Gruppierungen in unserer säkularen Welt eine so her-ausragende Stellung einnehmen wollen/sollen, ist es zum mindesten seltsam, dass sie eigene Zusammenschlüsse bilden. In der Schrift des Neuen Testaments – zum Beispiel der Apostelbriefe – ist das Spektrum tätigen und unerschrockenen Glaubens voll enthalten und die Bitte „Dein Reich komme“ schließt keinen Einsatz aus. So verstanden ist die Wirklichkeit, wie sie unsere C-Politiker in ihren Befugnissen entsprechend darstellen, nicht selten ein Ärgernis. Aus diesem Grunde sollen wir schon auf lokaler Ebene uns dazu bestimmen lassen, deutlich Stellung zu nehmen und damit unbestechlich und argumentativ befähigt, gut über die Sache orientiert, einen guten Weg zu beschließen.

Ich kann mit Vertretern der Gruppierungen keinen Kontakt aufbauen, weil sie – es mag Ausnahmen geben – an Politik, Gesellschafts- und Kulturpolitik, kritischer Wertung dessen, was uns etwa an Literatur zugemutet wird, weltanschaulich bestimmte Veröffentlichungen, (Gender-)Bildung, Schule, besonders Inhalte von Religionsunterricht, aber auch klare Stellung zum Islam, keine Stellungnahme praktizieren. Die Namen katholischen Bekenntnisses der letzten zwei Jahrhunderte, die Geschichte der katholischen Kirche Deutschlands machten, sind unbekannt. Schriften jener Zeit, heutige Veröffentlichungen von Autoren, denen unser Interesse gilt – dagegen Erbauungsschriften, deren Massenausstoß durch die gefühlsbestimmte Orientierung Aufmunterung verschafft.

Was uns nottut sind Katholiken jeden Alters, die sich die Inhalte der Bücher des Alten und des Neuen Testaments zu eigen machen und den wachen Blick für den Mitmenschen nicht verstellen lassen, im rechten Augenblick das richtige Wort in Unauffälligkeit, aber Unverwechselbarkeit wagen und sein Vertrauen erwerben. „Die Wahrheit des Denkens und die Wahrheit des Tuns“ war die Maxime Romano Guardinis, die er dank seiner einmaligen Begabung als Grundhaltung aufgetragen hat. Als belastbare Überzeugung vermochte sie es, die vergangenen Jahrzehnte der Verunsicherung und Irreführung durch wen auch immer zu bestehen.

„Ein immer wiederkehrender Ausspruch“ – das musste ich denken, als ich die Überschrift in der „Tagespost“ vom 9. August las: „Katholisch – und trotzdem fröhlich“. Es ging um die Gemeinschaft Emmanuel beim Forum Altötting. Ich kann den Mann gut verstehen, der sich über so viel Freude wunderte.

Als lange Jahre – bis heute – tätig in der Charismatischen Erneuerung (CE) erlebte ich auf Zusammenkünften ebensolche Aussprüche. Auf einem Treffen in Frankfurt-Höchst sprachen wir vor der Kirche, in der unser Lobpreis-Gottesdienst stattfinden sollte, die Menschen an und luden zum Singen ein. Viele kamen aus Neugier. Viele sangen sofort die geisterfüllten Lieder mit. Sie wurden durch die Texte und Melodien regelrecht „angesteckt“. Nach dem Lobpreis-Gottesdienst hörte ich von manchen Teilnehmern: „So etwas gibt es in der katholischen Kirche?!“

Wir erzählten ihnen auch von Gebetsgruppen, in denen sich Christen wöchentlich treffen, um Gott zu loben und zu preisen und durch das „Bibel–Teilen“ die Bibel näher kennenzulernen. Wir konnten den fragenden und interessiert gewordenen Teilnehmern Gebetskreise in ihrer Nähe mitteilen. So wurden die schon bestehenden Gebetskreise immer größer und bekannter. Neue Kreise bildeten sich, sodass man sagen kann, dass in jeder Stadt Gebetskreise vorhanden sind.

Solche Momente sind beglückend. Sie zeigen uns, dass der Heilige Geist daran interessiert ist, Menschen zum Lob Gottes, zur Verkündigung des Evangeliums und zum Zeugnis von dem, was Gott an ihnen getan hat, zusammenzuführen.

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