Bundespräsident Joachim Gauck und seine Sicht der Rolle der Achtundsechziger: Nicht erinnern, sondern verändern wollten sie

Bei seiner Antrittsrede „Wir wollen Europa wagen“ (DT vom 24. März) hat der neue Bundespräsident Joachim Gauck unter anderem das Verdienst der 68er Generation gewürdigt, die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein gerückt zu haben. Davor sei die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nur defizitär gewesen, geprägt von der Verdrängung eigener Schuld und einer fehlenden Empathie mit den Opfern der Nazidiktatur. Man habe sich neu, anders und tiefer erinnern können.

Historiker mögen es besser beurteilen können oder die Geschichte wird es später zeigen, ob Gauck mit dieser Bewertung recht hat. Aus der Sicht des unmittelbaren Zeitzeugen und damals in diesem „roten Jahrzehnt 1967–1977“ Studierenden bin ich mit dieser Bewertung gar nicht einverstanden. Es ist mir zu viel der Ehre, die den 68ern da zuteil wird. Ich hätte mir von Gauck eine klare Unterscheidung gewünscht zwischen möglichen positiven Zufallseffekten dieser studentischen Rebellion und ihrem erklärten Ziel.

Das erklärte Hauptziel der 68er war zum großen Teil mit denen der DDR identisch: den oder einen Sozialismus in der damals oft gerne in Anführungszeichen gesetzten „BRD“ zu errichten und damit alle nationalsozialistischen Tendenzen endgültig zu überwinden – wie man wenigstens vorgab. Die 68er haben die DDR als das bessere Deutschland hingestellt und die DDR der „nazistisch-faschistischen imperialistischen BRD“ polarisierend gegenübergestellt und durch permanente Agitation, Propaganda und Politisierung aller gesellschaftlichen Bereiche die Bundesrepublik im Sinne der DDR „wiederzuvereinigen“ versucht. Dazu gehörte auch eine aggressive atheistische Propaganda im Sinne eines im Ostblock gelehrten wissenschaftlichen Atheismus, der nach dem Fall der Mauer hier eine Fortsetzung fand im sogenannten neuen Atheismus.

Geschichte ist deshalb von Interesse, als man heutige Phänomene besser verstehen kann. Das erklärte Ziel der 68er war die gesellschaftliche Veränderung – und nicht die Bewusstwerdung, Bewusstmachung von historischer Schuld im Sinne Gaucks. Die DDR gab vor, die Auseinandersetzung mit der Geschichte mit der Gründung eines deutschen sozialistischen Staates endgültig abgeschlossen zu haben, weshalb sie nie eine Aufarbeitung als notwendig erachtet hat. Nach diesem Muster sollte auch die „BRD“ im Sinne des DDR-Sozialismus wiedervereinigt werden. So gibt es auch genügend Belege und Hinweise für eine Unterwanderung der Studentenbewegung durch DDR-Organe (siehe das Buch von Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik, 1999). Dazu gehört auch die Verleumdung des katholischen Bundespräsidenten Wilhelm Lübke, er habe Konzentrationslager gebaut, die als die zynischste und erfolgreichste Fälschungsaktion der DDR von Hubertus Knabe, dem Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen herausgearbeitet wird. Und als der Student Benno Ohnesorg auf tragische Weise bei einem Polizeieinsatz ums Leben kommt, heißt es im Jargon der Propaganda, er sei Opfer des„Bullenstaates“ geworden. Ironie des Schicksals: Vor ein paar Jahren stellte sich dann heraus, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschossen hatte, als Mitglied der SED und Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi identifiziert wurde.

Die DDR war eine Diktatur und ein Unrechtsstaat. Keiner weiß dies so gut wie Herr Gauck. Aber er kennt die 68er nicht aus eigener Anschauung. Und das merkt man.

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