Berichterstattung über den Wahlausgang in Ungarn: Nicht nur Paprika und Piroschka

Als ein seit einiger Zeit in Deutschland lebender Ungar musste ich meinen deutschen Freunden und Bekannten die politische Situation in Ungarn immer lange erklären und der Erfolg war eher bescheiden. Das war insofern nicht verwunderlich, als die Berichterstattung in der deutschen Presse über die Politik in Ungarn – ob Spiegel oder FAZ – nur geringe Unterschiede aufweist. Sie wird – da das Leben in so einem kleinen Land und nicht einmal Nachbarland wie Ungarn für Deutsche wenig Bedeutung hat – je nach politischem Gusto, indirekt auf die deutschen innenpolitischen Interessen bezogen, gedeutet, ja instrumentalisiert.

Gulasch, Paprika, Piroschka sind noch für den Alltagsdiskurs in Ordnung, aber für den politischen ist das systematische Heraufbeschwören eines Gespenstes des Nationalismus und der Gefahr durch Neonazihorden, die die Klischeewelt bebildern sollen, viel spannender und vor allem haben sie in Medien mehr „Blickfangwert“.

Von dieser kurzsichtigen und ruhmlosen Tradition in der deutschen Presse hat sich Herr Stephan Baier in seinem Artikel „Deutliche Wende in Ungarn“ (DT vom 13. April) entschieden abgesetzt und vielen meiner Landsleute die Hoffnung zurückgegeben: Es gibt eine andere Art Berichterstattung, in der der Gebrauch von Wörtern und Ausdrücken beziehungsweise Behauptungen anhand objektiver Daten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können. Eine Berichterstattung, die dem kleinen Land Ungarn das Recht zuerkennt, ohne eine vorherige Deutung (unter anderem durch „sorgfältig“ gewähltes Bildmaterial), als gleichberechtigtes Teil der EU an und für sich, beurteilt zu werden.

Beinahe wäre ich dem Pessimismus verfallen, es sei für Deutsche unmöglich, sich über die politische Situation in Ungarn auch ein annäherndes Bild zu schaffen, denn die politischen Kategorien in einem postsozialistischen Land sind für Deutsche sehr schwer einzuordnen. Zudem ist es schier unmöglich, den Unterschied zwischen demagogischem Nationalismus und national-patriotischer Gesinnung unterschiedlicher Schattierungen zu erkennen, so verschieden sind die Hintergründe.

Der von Herrn Baier vertretene Journalismus baut an einem gemeinsamen Europa, während einer, der seit dreißig Jahren hartnäckig nur die Meinung einer Handvoll Herren akzeptieren will und die Fakten in diesem Sinne „zurechtstutzt“, meines Erachtens verantwortungslos ist. Sollte jemand, der sich für die Politik in Ostmitteleuropa ein klein bisschen interessiert, diesen Artikel von Herrn Baier überblättert haben, dann kann ich ihm wärmstens empfehlen, diesen zu lesen und mit einigen anderen zu vergleichen beziehungsweise zu bedenken, welche Folgen eine Berichterstattung von jahrzehntelanger Stimmungsmache für die Völkerverständigung in Europa zeitigen kann. Ich hoffe auf eine „deutliche Wende“ der Berichterstattung über das aktuelle politische Geschehen in Ungarn in der deutschen Presse. Ein Grundstein dafür ist nun gelegt.

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