Aktive Sterbehilfe: Zu den Interviewäußerungen von Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland: Ein Lebenszeugnis, bei dem mir ein Licht aufging : Töten ist kein Akt des Mitleids : Private Äußerungen haben politische F

Manchmal versteht man die Welt nicht mehr. Warum all das viele Leid? Warum auf einen Gott vertrauen, der seinen eigenen Sohn qualvoll in den Tod gehen lässt? Was hat das mit Liebe zu tun? Wo bleibt da die Barmherzigkeit?

Ein sterbender Vater von vier Kindern aus unserer Pfarrgemeinde hat für mich Licht in diese Fragen gebracht. Der Krebs hatte ihm bereits das halbe Gesicht zerfressen, da saß er voller Hingabe und Geduld wie ein Häuflein Elend in seinem Ehebett. Im Haus tollten seine Kinder, sie brauchten noch Geld für einen Schwimmbadbesuch. Bis zu seinem letzten Atemzug hat der 53-jährige, einst stattliche Mann, sein ganzes Schicksal in die Hände Gottes gelegt. Seine Kraftquellen waren die Sakramente: täglicher Eucharistieempfang und regelmäßige Beichte. Bei meinem Besuch rannen mir die Tränen vor Überwältigung, Mitleid und Bewunderung über die Wangen. So ein grausamer Sterbeprozess und doch so viel Würde und Größe. Mit einem Mal erblickte ich in dem Leidenden eine enorm große Ähnlichkeit mit Christus am Kreuz. „Oh Gott, sooo hast du gelitten – für mich!“

Die Begegnung mit dem Sterbenden ist für mich zur Gottesbegegnung geworden und zur Quelle einer Erkenntnis: Jeder Christ ist durch die Kreuzesnachfolge dazu berufen, Christus ähnlich zu werden. Was der vierfache Vater mir vorgelebt und vorgestorben hat, wurde für mich zu einem heroischen Bekenntnis. Gott ist der Gott des Lebens. Wahres Leben aber habe ich nicht hier in der Welt zu erwarten. Bertholds friedlicher Tod zuhause im Kreise der Familie – am Fest der Kreuzeserhöhung – war für alle Beteiligten ein Zeugnis der Barmherzigkeit Gottes. Meine Hochachtung gilt dem unerschütterlichen Glauben von Bertholds Familie und ich habe großen Respekt vor Bertholds Mut, sein Leben aus Gottes Händen bis zum Ende anzunehmen.

Er ist ein großes Vorbild für die ganze Gemeinde. Niemand weiß, wie stark sich sein Glauben in Zeiten größter Not und Versuchung bewähren wird. Dass immer mehr Menschen zu einem selbstgewählten Tod Zuflucht nehmen, verstärkt die Versuchung, das von Gott auferlegte Kreuz nicht bis zum Ende tragen zu wollen. Je namhafter die Suizidwilligen, desto größer ist ihre Vorbildwirkung. Darum bedauere ich äußerst die Haltung von Nikolaus und Anne Schneider.

Ich weiß, dass Gott immer ein Gott der Barmherzigkeit ist, egal welche Fehler wir Menschen in unseren unterschiedlichen Notlagen auch machen. Auch weiß ich, dass niemand das Recht hat, über andere zu urteilen. Doch ich wünsche den beiden, dass sie die Gnade erhalten, das Geschenk des Lebens zu keinem Zeitpunkt auszuschlagen. Denn ich habe von Berthold erfahren, wie kostbar auch der schwerste Lebenstag ist, wieviel ein Sterbender den Lebenden an Kraft, Freude, Gottvertrauen, Zuversicht, Hoffnung und Dankbarkeit zu geben vermag. Gott mutet uns viel zu, vor allem, dass wir Ihm ähnlich werden. Und vergessen wir bei der ganzen Debatte um die aktive Sterbehilfe eines nicht: Unsere Zukunft ist das Ewige Leben und jeder Tag auf Erden hat seine Bedeutung von daher.

Aktive Sterbehilfe – Ausweg oder Irrweg: Nikolaus Schneider hat bekannt gegeben, er würde seine Frau notfalls zur assistierten Selbsttötung in die Schweiz begleiten. Er würde, obwohl es gegen seine Überzeugung sei, sie aus Liebe begleiten. Es erstaunt, wie wenig Widerspruch die Äußerungen des Ehepaares Schneider in der Öffentlichkeit fanden. Bei allem Respekt für Frau Schneider in ihrer höchst bedrängenden Situation, aber aktive Sterbehilfe ist kein Ausweg, auch nicht die „Beihilfe zum Suizid“ in der Schweiz. Das Leben ist eine gute Gabe Gottes und deshalb nicht vollständig in die eigene Verfügbarkeit gestellt. Aktive Sterbehilfe bringt Ärzte, Apotheker und Angehörige in Konflikte, und sie untergräbt den ohnehin schon brüchigen Lebensschutz.

Die Argumente, die für eine Ermöglichung des ärztlich assistierten Suizids angeführt werden, ähneln spiegelbildlich jenen, die hierzulande in den achtziger und neunziger Jahren zugunsten der Straffreiheit der Abtreibung angeführt wurden. Wieder geht es um Selbstbestimmung, wieder um die Abschaffung von Grauzonen, wieder um die Suche nach Hilfe im Ausland. Illustriert werden die Argumente durch tragische Einzelschicksale, in denen sich kollektive Ängste idealtypisch verdichten. Die Furcht vor einer inhumanen Apparatemedizin als der Schattenseite des Fortschritts, die Zunahme von Demenzerkrankungen und Pflegebedürftigkeit als Kehrseite der Alterung der Gesellschaft, die Aporien eines Gesellschaftsvertrags, nach dem eine Generation für gleich zwei sorgen muss.

Sich dieser epochalen Veränderung des Diskursrahmens zu verweigern, hieße den Kopf in den Sand stecken; sich von kollektiven Ängsten und aporetischen Einzelschicksalen treiben zu lassen käme einem Scheitern angesichts des ethischen Imperativs gleich, Maß und Mitte zu wahren. Euthanasie in Staaten zu legalisieren, in deren Gesundheitssystem Palliativmedizin ein Fremdwort ist, erscheint geradezu als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Deshalb muss den Befürwortern aktiver Sterbehilfe widersprochen werden. Auch ein Leben in Krankheit und mit Schmerzen ist ein würdevolles und wertvolles Leben. Selbst der schwerkranke und alte Mensch ist ein von Gott geliebtes Geschöpf. Dasselbe gilt für Behinderte. Deshalb ist die Frage nach aktiver Sterbehilfe auch eine Frage nach dem Wert des kranken und behinderten Menschen.

Eine neue Wertschätzung der Schwachen ist deshalb vonnöten. Die Palliativmedizin oder die Hospizbewegung tragen in guter und hilfreicher Weise dazu bei, Kranken ihre Würde zurückzugeben. Entscheidend sind aber die öffentliche Wahrnehmung und die Einstellung des Umfelds. Sind wir bereit, uns an die Seite des Leidenden zu begeben und sein Leiden – so weit es uns möglich ist – mitzutragen? Was dient der Würde mehr: Der angeblich würdelosen Situation durch einen schnellen Tod des Betroffenen zu entgehen oder aktiv (in aller eigenen Rat- und Hilflosigkeit) mitzuleiden? Aktive Sterbehilfe ist kein „Töten aus Mitleid“ oder Respekt vor der Würde des Menschen, wie manche sagen. Es ist oft ein Töten aus verweigertem Mitleiden.

Dank an die „Tagespost“ für die Information über die Interviewäußerungen des Vorsitzenden des Rates der EKD, Nikolaus Scheider und den Reaktionen von CDU-Politikern. Ebenso danke ich für die faire, aber klare und kundige Kommentierung im Leitartikel zu besagtem Thema durch Stefan Rehder (DT vom 29. Juli).

Es geht mir nicht darum zu urteilen, das steht mir auch nicht zu, wohl aber ist darauf hinzuweisen, welche erheblichen Folgen diese Interviewäußerungen haben werden. Es lässt sich nämlich gar nicht verhindern, dass aus diesen sogenannten privaten Äußerungen politische Argumente werden, die die Debatte um die aktive Strebehilfe maßgeblich beeinflussen werden. Wie dies bereits auch in anderen bioethischen Fragen der Fall war, gilt plötzlich als unbarmherzig und weniger liebevoll, wer aktive Sterbehilfer ablehnt. Das ist eine völlig Verdrehung der Realität. Man kann nicht annehmen, dass sich der EKD-Chef der Folgen solcher Interviewäußerungen nicht bewusst war. Von daher kann man leider nur den Kopf schütteln. Es ist ja auch leider nicht das erste Mal, dass Äußerungen eines EKD-Chefs bioethische Debatten beeinflussen (siehe Huber bei der Stammzellforschung).

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