Zuwanderung und Demografie: Zum Interview mit Herwig Birg : Maßnahmen, um die Kurve noch zu kriegen

Den Interviewergebnissen mit Professor Herwig Birg „Alterung kann nicht durch Zuwanderung gestoppt werden“ (DT vom 29.10.2011) ist in vollem Umfang zuzustimmen. Seine Vorschläge zur letzten Frage unter der Überschrift „Wie kriegt man die demografische Kurve?“ scheinen mir jedoch nicht ausreichend zu sein. Das Sozialversicherungssystem so zu ändern, dass Menschen mit Kindern günstigere Beitragssätze haben, bietet zu wenig Anreiz und ist in einer Mediendemokratie kaum durchzusetzen. Auch zur Gleichsetzung von Familien- und Erwerbsarbeit – in der Öffentlichkeit und in der Wirtschaft – führt nur ein weiter Weg.

Wichtig ist dagegen der letzte Vorschlag, endlich ein „Familienwahlrecht“ einzuführen. Viel wäre da schon gewonnen, wenn wenigstens bei Kommunalwahlen die Stimme der Kinder berücksichtigt würde. Das Problem, beide Eltern bei der Wahl zu beteiligen, könnte leicht dadurch gelöst werden, dass jeder Wähler zwei Stimmen hätte und je eine der beiden „Kinderstimmen“ den Eltern zustünde. Und weil sich („in einer niedergehenden Gesellschaft“) selbst diese Veränderung kaum durchsetzen lässt, sollte wenigstens in einigen Kommunen ein „Modellversuch“ in dieser Richtung gestartet werden. Leider zeigt keine Partei und keine Landesregierung große Neigung, sich auf diese Weise „unbeliebt“ zu machen (und sich dem Vorwurf auszusetzen, den zugewanderten kinderreichen Familien noch mehr Einfluss zu geben).

Eine weitere wichtige Maßnahme wird vom Verfasser leider nicht erwähnt: Nicht nur demografisch, sondern auch qualitativ neigt sich die Kurve zum Negativen. Denn immer mehr qualifizierte Frauen bleiben kinderlos, um ihre berufliche Chance nicht zu gefährden. Dass auf diese Weise wertvolles „genetisches Potenzial“ für die Zukunft verloren geht, ist eine Tatsache. Dies darf aber wohl immer noch nicht ungestraft öffentlich artikuliert werden. Hier kann letztlich nur eine bundesweite Regelung Abhilfe schaffen – die Beseitigung des ohnehin ausgehöhlten Ehegattensplittings und die Einführung eines Familiensplittings, mit welchen Splittingprozenten auch immer.

Auf diese Weise würde der Anreiz, dass ein Partner (und nicht nur die Frau) auf Einkommen verzichtet (weil er während der Kindererziehungsjahre zu Hause bleibt), wesentlich gefördert. Qualifizierte Frauen würden in ihrer Karriere nicht behindert und die freiheitliche Entscheidung der Partner nicht beeinträchtigt. Neben den richtigen Bemühungen, allen Kindern eine gute kostenlose Bildung zukommen zu lassen, wäre eine solche Maßnahme demografisch ebenso dringend. Sie wäre zudem kinderfreundlich und auf besondere Weise christlich. Sie wäre schließlich aber auch deswegen wichtig, weil die ökonomische und kulturelle Basis unserer Gesellschaft bis heute besonders durch die erziehungsstarke Familie bestimmt wird.