Zur anhaltenden Diskussion um den Leserbrief „Gott sei Dank, ich bin Atheist“ – Eine weitere Auswahl von Zuschriften: Tiefe Einblicke möglich gemacht: Hanebüchen und arrogant: Ohne Gott wird der Mensch gefährlich

Der Leserbrief von Dr. Bernd Vowinkel (DT vom 22. Januar), mag neben seiner eigenen Meinung die Position der Bruno-Giordano-Gesellschaft wiedergeben, nichtsdestoweniger dürfte er vielen Atheisten nicht gerecht werden. Atheismus hat unter Wissenschaftlern zwar Tradition, doch längstens seit den Erkenntnissen der Quantenphysik lässt sich die grundlegende Naturwissenschaft, eben die Physik, nicht mehr als Beweismittel für eine Nicht-Existenz Gottes einspannen; ganz abgesehen davon, dass viele herausragende Naturwissenschaftler an Gott glauben beziehungsweise gläubige Christen sind.

Der Brief erinnert an antiklerikale Vulgär-Aufklärung des vorvorigen Jahrhunderts. Auffällig ist der kaum bemäntelte Herrschaftsanspruch gegenüber Andersdenkenden, der den bekämpften Artikel „Aufstieg zur neuen Weltdoktrin“ geradezu bestätigt. Dennoch muss man für den Leserbrief von Herrn Dr. Vowinkel und für die volle Veröffentlichung dieses Briefes durch die DT dankbar sein, weil dadurch tiefere Einblicke in ein Weltbild gewährt werden.

Entlarvend für dieses Weltbild ist die damit verknüpfte Ethik, die zum einen sich zum Utilitarismus (Nützlichkeitsethik) bekennt und zum anderen auf den möglichen pastoralen Begleiter, das Mitleid, verweist. Ohne auf die gegebenen Bekenntnisse zu Abtreibung, Sterbehilfe und Embryonenforschung („Stammzellenforschung“) besonders einzugehen, bleibt festzustellen, dass der Utilitarismus mit einem Zwei-Klassen-Recht korrespondiert, nämlich dem von Mächtigen über Ohnmächtige. – Wenn von „Mitleid“ die Rede ist, kann Stefan Zweig den Blick klären, denn Mitleid ist zwiespältig, es öffnet Missbrauch Tür und Tor.

Stefan Zweig schreibt zu Mitleid in „Ungeduld des Herzens“: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

Es ist mir unbegreiflich, warum „Die Tagespost“ einem Doktor der Physik – nicht einmal einem Prof.! – die Möglichkeit gibt, auf einer ganzen halben Seite seine präpotenten und selbstherrlichen Ansichten zur Existenz Gottes darzustellen. Warum knickt die Tagespost vor einem Doktor der Physik ein, der glaubt, die Weisheiten dieser Welt mit dem Löffel gegessen zu haben! Wer wie ein Schüler seinen Unglauben damit rechtfertigt, dass er den Tsunami von 2004 nicht verstehen kann, der hat schlicht und einfach keine Ahnung von Geschichte, Philosophie und allem, was über Physik hinausgeht!

Warum muss ich mir solche hanebüchenen und gleichzeitig arroganten Überlegungen und Gedanken eines Doktors der Physik vorsetzen lassen? Versuchen Sie einmal einen derartigen Beitrag in der Giordano-Bruno-Stiftung unterzubringen.

Dr. Vowinkel klagt an. Wen klagt er an? Machtmissbrauch in der Kirche und Verfehlungen einzelner ihrer Vertreter, die aus Unverstand und entgegen den christlichen Handlungsmaximen Gewalt gebrauchten. Kann Herr Vowinkel sicher sein, dass er schlussendlich nicht unter dieselbe Kategorie von Menschen fallen wird? Steht nicht das Erringen der totalen Macht auch hinter seinem Denken? Möchte er nicht, dass dieses Denken weltweit zum Tragen kommt?

Der Böse und Widersacher alles Guten ist immer darauf aus, Gewalt über andere zu bekommen. Doch Jesus lehrt, nicht mit Gewalt zu herrschen, sondern einander in Liebe untertan zu sein. (Joh 13,13ff; Mk 10,42 ff). Die Haltung demütigen Dienens zeichnet die wahre Kirche aus.

Dr. Vowinkel klagt an. Wen klagt er an? Wenn man beweisen will, dass Mathematik funktioniert, wählt man zur Demonstration nicht Schwachköpfe sondern Experten, welche die Regeln aus dem FF beherrschen. So ist es auch im Christentum. Der hl. Franziskus, Don Bosco und Mutter Teresa zum Beispiel waren Christen, die das Ideal zu leben verstanden haben. Wer wollte ihnen etwas zum Vorwurf machen?

Wenn man Gott anklagt und seine Kirche angreift, indem man auf Verfehlungen weist, zählt man Siege des Gegners auf, nicht die Siege Gottes, um die es in der Kirche geht. Um markantes Fehlverhalten zu finden, greifen Kritiker tief in die Mottenkiste der Vergangenheit: Mittelalter, Inquisition, Hexenverbrennung. Doch was ist an den meisten Vorwürfen wirklich dran? Hat die Kirche nicht aus ihren Fehlern von anno dazumal gelernt? Hat sie es nicht auch gestützt auf die Kritiken ihrer aufgeklärten Gegner getan, die ihrerseits anscheinend nichts dazuzulernen imstande sind, weil Umkehr und Reue ihnen fremd sind? Sturheil den eingeschlagenen Weg voraus ist ihre Devise. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Im gleichen Maß wie seit der Säkularisation der Kirche der Großteil ihrer Macht genommen und ihr Einfluss auf Politik und Welt geschmälert wurde, ist der Einfluss der Freidenker gewachsen. Sind sie bereit, die Verantwortung für ihre erstaunlichen Früchte daraus zu übernehmen? Ihre Ergebnisse: Wissenschaftlicher Fortschritt ohne Bindung an Gott, skrupellose Ausbeutung der Rohstoffe der Erde, zwei Weltkriege und zig andere Kriege, nationalsozialistischer und kommunistischer Terror mit Millionen Toter. Dazu die aufgeklärtesten Errungenschaften der Gegenwart: skrupelloser Zugriff auf den menschliche Gencode, Gender mainstreaming, Zerstörung der Familienstrukturen und Legalisierung der Abtreibung: Fast eine Milliarde im Mutterleib zerstörte Menschenleben?

O glorreicher Humanismus ohne Gott, wie herrlich gestaltest du doch unsere Welt! Du hast uns die Freiheit von einem schrecklichen Gott beschert, der uns einen Gekreuzigten als Befreier des Übels vor Augen stellt. Auf ihn und seine Kirche schiebt man, aufgeklärt wie man ist, alles, was schief geht: Tsunamis, Vulkanausbrüche, Wetterveränderung? Dazu die Genugtuung über den Islam, weil dort Gläubige Terror verüben und Gott und Religion folglich wieder die Schuldigen sind. Wie leicht kann man es sich doch machen!

Und die Freidenker mit ihren bahnbrechenden Ideen können sich, im Hintergrund die Strippen ziehend, die Hände reiben und in Unschuld waschen. Denn endlich ist dank der Evolution wieder das Recht des Stärkeren eingekehrt. Die Reichen, Mächtigen und Cleveren sind es, die die Welt gestalten. Die Schwachen werden allenthalben einfach platt gemacht. Ja, wir gehen einsamen Gipfeln höchster menschlicher Kultur entgegen! Einem Paradies ohne Ende, wo die absolute Freiheit herrscht. Wo viele Arten von moralischen Sauriern regieren und sogar der Tyrannosaurus Rex, der von Gott befreite Mensch, munter schalten und walten darf, wie's ihm beliebt. Denn wie er es macht, ist's doch nur natürlich!

Doch dank der Evolution, so darf man rechnen, wird die gesellschaftliche Relevanz der grausamen Gesellen nur von kurzer Dauer sein. Gott sei Dank! Der ewige Gott scheint sich mit dieser Art Schwachsinn nicht mehr abgeben zu wollen, er überlässt es seiner kleinsten und demütigsten Magd, dem stolz erhobenen Drachen den Kopf zu zertreten.