Zur anhaltenden Diskussion um das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“: Kirche braucht klare Wegweisung: Das ganze Kapitel beherzigen

Papst Franziskus selbst hat in seinem apostolischen Schreiben „Misericordia et misera“ zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit auf Joh 8,1–11 verwiesen. Das Gespräch Jesu mit der Ehebrecherin (sie ist die „misera“, die des barmherzigen Erbarmens bedarf) endet mit dem Satz: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. Mit dieser Aufforderung zum Nicht-mehr-sündigen zielt unser Herr nicht auf jede ihrer kleinen Sünden, sondern auf den Ehebruch. In seiner Barmherzigkeit hat er Klartext geredet.

Auch Robert Spaemann hat vom Lehramt zu „Amoris laetitia“ Klartext eingefordert und wird dafür von Herrn Walter gerügt (DT vom 13. Dezember). Zu Recht? Schon als Mose vom Berg herunterstieg, hat er die Gesetzestafeln mitgebracht. Gott hat uns die Zehn Gebote als Hilfe gegeben, als Wegweiser zum irdischen Glück und zum ewigen Heil. Wer diese Wegweiser jetzt wegpackt, von dem von Gott in alle Menschen hineingelegten Naturrecht und kirchlich-lehramtlicher Führung nichts wissen will, entzieht dem Einzelnen für seine Einzelfallentscheidung die von Gott angebotene Wegweisung.

Der Herr wollte trotz seiner Vollkommenheitsforderung (Mt 5,48) sicher keine Elite-Kirche. Da stimme ich Herrn Walter aus ganzem Herzen zu. Aber er wollte eine Kirche, die uns sagt, wo's langgeht. Deshalb meine Lieblingsstelle bei Markus: „Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange“ (Mk 6,34). Dieses Lehren ist, wie beim Gespräch Jesu mit der Ehebrecherin, eine Form der Barmherzigkeit. Auch in einer synodal geführten Kirche wird sich, so hoffe ich, das Lehramt einer klaren Wegweisung nicht auf Dauer entziehen.

Seit „Amoris laetitia“ tut sich in der Katholischen Kirche ein ernst zu nehmender Graben auf. Viele sehen darin eine vom Heiligen Geist inspirierte Offenbarung. Noch mehr, wie mir scheint, halten „Amoris laetitia“ gar für schismatisch. Auf der einen Seite schießt man auf Papst Franziskus, der gar eine Fehlbesetzung sein soll, obwohl „Amoris laetitia“ von zwei Dritteln der Synodalen mitgetragen wird. Auch die vier Kardinäle Brandmüller, Meisner, Caffarra und Burke bekommen ihr Fett weg. Ihnen wirft man vor, dem Papst den Gehorsam zu verweigern. Ich bin überzeugt, dass die vier als besonders glaubenstreu bekannten Kardinäle mit ihren Fragen an den Papst aus echter Sorge um den katholischen Glauben gehandelt haben. Aber auch Papst Franziskus hat sicher nicht leichtfertig „Amoris laetitia“ veröffentlicht. Sicher hat er im Gebet um die Unterscheidung der Geister gerungen. Gegenseitige Beschuldigungen halte ich deshalb für lieblos.

Papst Franziskus hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man den ganzen Text von „Amoris laetitia“ lesen und verinnerlichen soll. Dem Schreiben geht es wie der Bibel. Es werden einzelne Stellen zitiert, sie werden verschieden interpretiert, und je nachdem findet man sich auf der einen oder anderen Seite des Grabens. Deshalb haben wir, obwohl nur ein Evangelium, tausende verschiedene christliche Bekenntnisse. Man sollte zum Beispiel nicht nur die Anmerkung 351 zu 305 beachten, sondern das ganze achte Kapitel beherzigen. Bei Nr. 302 zitiert Papst Franziskus den Katechismus. „Die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie können durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein.“ Unter der Überschrift „Masturbation“ steht im Katechismus bei Nr. 2351: „Um ein ausgewogenes Urteil über die sittliche Verantwortung jener, die sich hierin verfehlen, zu bilden und um die Seelsorge danach auszurichten, soll man affektive Unreife, die Macht eingefleischter Gewohnheiten, Angstzustände und weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren berücksichtigen, welche die moralische Schuld vermindern oder sogar aufheben.“

Das Gesetz ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für das Gesetz. Dies scheint für Papst Franziskus bestimmend zu sein. Ich hoffe, dass man ihm glaubt, wenn er betont, dass er das Gesetz nicht ändern will.