Zur Forderung von acht CDU-Politikern, den priesterlichen Zölibat zu lockern und der Kritik an deren Vorgehen durch Kardinal Walter Brandmüller: Das ist einfach nur noch peinlich: Viele Priester wollen den Zölibat nicht mehr: Bischöfe sollen eindeutige P

Dem Leitartikel von Markus Reder („Zölibat: Die falschen Debatte“, DT vom 25. Januar) ist voll zuzustimmen. Zu dem offenen Brief von einigen dem ZdK verbundenen Politikern fällt mir nur ein Wort ein: Peinlich. Es gibt noch ein paar andere Gruppierungen hierzulande, die sich mit ähnlichen Forderungen und Wünschen immer wieder meinen, hervortun zu müssen. Da es ihnen leider oft an Hintergrundwissen fehlt und sie sich aus einer Emotion heraus äußern, kann man es ihnen leichter nachsehen. Wenn aber Politiker, also Teile der Elite eines Landes, das Wort ergreifen und so uninformiert und populistisch argumentieren, dann ist das einfach nur noch peinlich.

Was wollen sie damit erreichen? Die Mehrzahl des katholischen Klerus wird sich auch heute im Zeitalter der post-sexuellen-Revolution vom Zölibat garantiert nicht abwenden. Diejenigen, die es täten, würden dadurch lediglich weitere kirchliche Gemeinschaften hervorbringen, derer es schon viele gibt. Sie könnten sich dann nennen wie sie wollten. Katholisch würden sie nicht mehr sein.

Kardinal Brandmüller meinte, die Politiker, die den Zölibat infrage stellen, würden „eine überwältigende Zahl derer beleidigen, die den Zölibat frei gewählt haben“. Also ich jedenfalls bin nicht beleidigt. Und es ist eine überwältigende Zahl von Priestern, die den Zölibat nicht mehr haben wollen (über 60 Prozent laut Untersuchung des ORF 2010).

Ich erlaube mir daher, ebenfalls den Zölibat zu hinterfragen und das zu tun, was der jetzige Papst 1970 tat: nämlich die Koppelung der Ehelosigkeit an das Priesteramt zu überprüfen. Die Kirche existierte vor der Einführung des Zölibats im 11. Jahrhundert recht gut. Weshalb sollte sie jetzt nach einer möglichen Abschaffung nicht mehr bestehen können? Seltsame Ansichten von Menschen, die offenbar Angst haben vor Reformen. Es ist auch nicht nur eine Glaubenskrise, die man ständig zitiert, sondern vor allem eine Glaubensvermittlungs- und Pfarrstrukturkrise. Wir machen die Kirche kaputt, wenn uns eine von Jesus nicht einmal verpflichtende Lebensform wichtiger ist als die Versorgung der Pfarreien und ihrer allein gelassenen Menschen.

Dank an Kardinal Brandmüller für seine mutige Kritik an den acht CDU-Politikern. Dem ist nichts hinzuzufügen. Sein offener Brief macht Mut, solchen falschen Propheten zu widersprechen. Dank auch Herrn Bischof Müller und Herrn Generalvikar Schwaderlapp. Auch sie sprechen dem gläubigen katholischen Volk aus dem Herzen. Zu wünschen, zu hoffen und zu fordern bleibt, dass die Mitglieder der deutschen Bischofskonferenz eine vergleichbar eindeutige Positionen einnehmen und sich gegen die Einmischung in innere Angelegenheiten der Kirche vor allem seitens der Politik und des ZdK verwahren. Ich fürchte allerdings, dass da Hopfen und Malz verloren ist.

Angesichts des offenen Briefes eines Kardinals, in dem die „Zölibats-Kritiker“ getadelt werden, muss man doch einige Fragen stellen dürfen. Darf man so, wie es nicht nur hier geschieht, verallgemeinern, wäre nicht die Kunst des Unterscheidens, die beispielsweise in der großen Theologie des Mittelalters eine gewichtige Rolle spielte, viel mehr zu üben?

Zu fragen wäre unter anderem: Wieso stellt ein doch recht differenzierter Dialogbeitrag katholischer Politiker, die ja als Kirchenglieder auch am prophetischen Amt Jesu Christi teilhaben, eine „persönliche Beleidigung katholischer Priester“, oder gar des Herrn selber, dar?

Natürlich wäre es falsch, den „Gläubigenmangel“ in der heutigen Kirche monokausal auf den Mangel an Priestern zurückzuführen. Aber brauchten die Menschen gerade heute nicht mehr an priesterlich-seelsorgerlicher Zuwendung, wie sie die relativ wenigen Priester trotz allen guten Willens nicht leisten können?

Könnte Gott nicht auch Verheiratete zum Priestertum berufen, was die Kirche gerade bei zunehmendem Priestermangel nicht verhindern sollte? Ist der Pflichtzölibat wirklich eine verbindliche apostolische Tradition? Gibt es nicht beispielsweise in den Ostkirchen, auch in den unierten Ostkirchen, bis heute verheiratete Priester, die auch nach dem katholischen Ostkirchenrecht nicht daran gehindert sind, die „eheliche Gemeinschaft fortzusetzen“?

Auch wer das Charisma des Zölibates hochschätzt, wird auf diesem Hintergrund die Behauptung unannehmbar finden, der Pflichtzölibat gehöre zur verbindlichen apostolischen Tradition. Der offene Brief des Kardinals könnte im Übrigen als Beleidigung verheirateter Christen gesehen werden, die ja auch nach der Überzeugung heutiger Hirten der Kirche zu einem freimütigen, dem Zentrum des Glaubens verpflichteten Dialog berufen sind.

Am Aufruf mehrerer CDU-Politiker an die deutschen Bischöfe, sich in Rom für eine Aufhebung des Zölibats stark zu machen (DT vom 25. Januar), erstaunt auf den ersten Blick manches. Zunächst die arrogante Selbstüberschätzung, mit der ein Sonderrecht von Politikern postuliert wird, sich in originäre Angelegenheiten des kollegialen Lehramtes einzumischen. Unter dem Rubrum „Wir – ein Kreis politisch engagierter, katholischer Christen“ könnten schließlich genauso gut auch Lieschen Müller, Hans Wurst oder ganz „normale“ Kirchgänger ihre Meinung äußern, ohne dass die Öffentlichkeit dies zur Kenntnis nehmen müsste.

Erstaunlich auch die beharrliche Realitätsverweigerung, mit der die großen Aufbrüche der Kirche in fast allen Teilen der Welt ignoriert werden. Ein demütiges Hinschauen auf andere Länder, was die wirklich entscheidenden Stellschrauben für notwendige Veränderungen in der Kirche angeht, könnte auch für unser Land manches zum Besseren wenden. Statt eine Zölibatsdiskussion zu führen würde man sich dann mit der Frage beschäftigen, wieso trotz des spärlichen Priesternachwuchses das Zahlenverhältnis zwischen Priestern und gläubigen Kirchgängern heute besser ist als in den 1960er Jahren, oder – anders gesagt – wie dem gravierenden Glaubensmangel in Deutschland abgeholfen werden könnte. Hier täte sich ein breites Betätigungsfeld für aktive und pensionierte Politiker auf, die vor allem in ihrer Lebensführung ein Beispiel als „engagierte, katholische Christen“ geben und vielleicht auch selbst mal wieder um Priester- und Ordensnachwuchs beten könnten.

Vielleicht ist im Vorfeld des Papstbesuchs in Deutschland vom katholischen juste milieu nichts anderes zu erwarten als das übliche Einprügeln auf das Lehramt. Wer sich die Protagonisten des Aufrufs näher ansieht, wird dann nicht wirklich überrascht sein: Ein Bundestagspräsident zum Beispiel, der es anlässlich des 850. Weihejubiläums der Abteikirche Maria Laach angemessen fand, die außerkirchliche Vereinigung „Donum Vitae“ gegen die deutschen Bischöfe in Stellung zu bringen, weil die sich nicht weiter an einer Scheinlösung gegen das ungeborene Leben beteiligen wollten.

Tief blicken lässt der Vorschlag der Vogels, Lammerts und ähnlich bedeutender Persönlichkeiten, dass hinsichtlich einer Lockerung des Zölibats „gegebenenfalls (...) auch eine regionale Ausnahmeregelung für Deutschland in Erwägung gezogen werden (sollte)“. Die katholischen Christen können froh und dankbar sein, dass der Heilige Vater dieser Deutschtümelei ebenso widerstehen wird wie dem Versuch, die Ortskirchen in Deutschland zu einer protestantischen Sekte umzubauen.