Zur Diskussion, was die Unauflöslichkeit der Ehe ausmacht: Eine Einheit, die vor Gott Bestand hat

Zum Leserbrief von Dr. phil. Ulrich Töns (DT vom 1.September): In weltlicher Denkweise liest sich Ihre Argumentation durchaus logisch: Ja, der Bruch des Eheversprechens ist natürlich nicht schlimmer als ein Mord. Und wenn dem Mörder Vergebung zukommt, dem Ehebrecher aber nicht, dann kann es sich bei der katholischen Ehelehre nur um eine menschenverachtende Ideologie handeln.

Wenn man die Lage aber aus der Lehre Jesu betrachtet, dann fällt auf, dass Jesus im Gegensatz zur Scheidungspraxis der damaligen jüdischen Gesellschaft sein Wort „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ stellt. Es war ihm damit ganz ernst. In Mt 19,6 erklärt er, dass Mann und Frau nicht mehr zwei, sondern eins sind. Hier scheint auf, was das Sakrament der Ehe später fortführt: Im Ehebund entsteht eine neue menschliche Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit erschließt sich aber im Letzten nur auf geistlicher Ebene. Für menschliche Sinneswahrnehmungen ist jene Einheit von Mann und Frau, die vor Gott, also in Wahrheit Bestand hat, nicht immer greifbar. „Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist“, führt Jesus später dazu vor seinen Jüngern aus (Mt 19,11).

In unserem katholischen Glauben tragen wir stets auch jenem Rechnung, was wir als einzelne Gläubige nie ganz erfassen und begreifen: Wir stellen uns mit unseren begrenzten Glaubensmöglichkeiten vertrauensvoll hinein in den Glauben der Kirche. Wenn meine Ehe nun scheitern sollte – trotz guten Willens – was immer sein kann, wie Sie in Ihrem Leserbrief aufzeigen, so weiß ich mich als Katholikin aber auch dem Glauben meiner Kirche verpflichtet. Das bedeutet, ich erkenne an, dass mein Mann und ich auch im Scheitern noch eine Einheit bilden, die vor Gott Bestand hat. Auch wenn ich diese Einheit nicht mehr erkennen kann – Gott erkennt sie. Nun ist die Frage, wie ich mit meinem gescheiterten Lebensentwurf umgehe. Hier gilt es, eine Entscheidung zu treffen. Sie gehen nun von der Mehrheit aus, die nicht ohne eine zweite Verbindung leben kann oder will. Ich denke, das „Können“ hängt allein vom „Wollen“ ab. Und ich sehe es durchaus als Sünde an, wenn ich nicht gemäß der mir von Gott geoffenbarten Wahrheit leben will. Mir ist durchaus klar, dass viele wiederverheiratete Geschiedene diese Entscheidung gar nicht bewusst treffen und meistens auch überhaupt nicht wissen, was sie tun. Die vielen psychischen und womöglich auch physischen Verletzungen im Zusammenhang mit einer zerbrochenen Ehe verunmöglichen oft, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Wie auch ein Mörder oft nicht weiß, was er eigentlich tut und erst lange nach seiner Tat sich dessen bewusst wird. Kommt er aber zum Bewusstsein, also zur tiefen Erkenntnis der Schwere seiner Tat, so stellt sich unweigerlich bei ihm auch die Reue ein – und damit ist der Weg der Umkehr eingeleitet und es ist nicht mehr weit zur Vergebung.

Was Sie aber in Ihrem Leserbrief indirekt fordern, ist die kirchliche Akzeptanz der fortwährend gelebten Sünde, eben weil es so viele betrifft und weil es ja menschlich ist. Aber eine Sünde bleibt eine Sünde, auch wenn sie von vielen begangen wird und auch wenn diesen Menschen vielleicht völlig das Sündenbewusstsein fehlt. Wenn nun die Kirche Jesu Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe treu über 2 000 Jahre bewahrt hat, dann gilt sein Wort auch noch heute. Das hat Konsequenzen. Wenn ich als geschiedener Katholik, dessen Ehe aber sakramental gültig ist und fortbesteht, eine neue eheähnliche Verbindung eingehe, dann übe ich fortwährend Verrat – nicht nur an meinem Eheversprechen, nicht nur an meinem Ehepartner, nicht nur an mir selbst – sondern auch an Gott. Ich trete dann seine Schöpfungsordnung mit Füßen. Kann die Kirche mir das vergeben? JA. Aber natürlich nicht, solange ich in diesem Zustand verharre. Reue verunmöglicht schließlich das gleichzeitige Begehen der Tat.

Die christlichen Ideale können nie zur Ideologie erstarren, wenn sie an der Liebe festgemacht sind.