Zur Diskussion um die Niederlage von Pro Reli in Berlin: Wie gut ist der Unterricht wirklich?: Nicht flüchten, sondern mitreden

In der „Tagespost“ vom 23. April war Erschreckendes über ein Ethik-Lehrbuch zu finden. Obwohl ich ein strikter Befürworter des Religionsunterrichts bin, fühle ich mich in der Pflicht, fast schon als Advocatus Diabolus aufzutreten. Es ist leicht, anhand eines Ethikbuches die Unzulänglichkeit dieses Faches nachzuweisen. Aber genauso könnte man auch die katholische Lehre nur anhand der Aussagen zur Empfängnisverhütung darstellen. Jeder rechtschaffene Katholik, der treu zum Papst steht, hat sich zu wehren, wenn Journalisten einzelne Aussagen des Papstes aus dem Zusammenhang reißen. Es ist nun hier nicht nur eine Aussage, sondern ein ganzes Buch fehlerhaft, deshalb aber den Ethikunterricht an sich des Teufels zu nennen, ist grundlegend falsch.

Denn was ich in der ganzen Auseinandersetzung über Pro Reli versus Pro Ethik sehr vermisst habe, ist die Frage nach der Qualität des Religionsunterrichts (DT vom 25. April). Daher bin ich in die Universitätsbibliothek gefahren, um einen Blick in die bayerischen Religionsbücher zu werfen. Dass ich geschockt bin, ist noch milde ausgedrückt. Im Evangelischen Religionsbuch für Realschule „Mosaiksteine 8“ (claudius-Verlag) erfahre ich mehr über das Selbstverständnis der katholischen Kirche, als im entsprechenden katholischen Lehrbuch ReliRealSchule 9 (Kösel-Verlag). Im ev. Buch werden klar und deutlich die Unterschiede aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen evangelischer und katholischer Kirche auf über 20 Seiten erklärt. Im katholischen Lehrwerk indes werden auf gut 12 Seiten nicht nur die Ökumene untergebracht, sondern auch die orthodoxen Christen, die Geschichte der Reformation und Martin Luther. Im Reli 9 für die Hauptschule (Kösel-Verlag) wird eine Seite lang (S. 98) über die Sexualität fabuliert, ohne konkret zu werden und ohne nur einmal das Wort Ehe zu verwenden, und auf der nächsten Seite folgt eine Erklärung der Homosexualität. Dort heißt es zur Stellung der Kirche: „Die Kirche verurteilt jede Diffamierung homosexuell veranlagter Menschen. Gleichgeschlechtlich orientierte Menschen sind für ihre homosexuellen Handlungen genauso verantwortlich wie die gegengeschlechtlich orientierten Menschen für ihre heterosexuellen Handlungen. Weil die Zeugung von Kindern nur in einer heterosexuellen Beziehung möglich ist, versteht die Kirche die Ehe zwischen Mann und Frau als den eigentlichen Raum der vollen Geschlechtsgemeinschaft.“ Da frage ich mich schon, warum dann so viel Aufhebens um die Position der katholischen Kirche zur Homosexualität gemacht wird, wenn es doch so einfach zu sein scheint.

Und wenn ich in ein bayerisches Ethikbuch schaue? Da sehe ich, zumindest bei „Selbstbestimmung, Freiheit, Verantwortung“ Ethik Philosophie Sekundarstufe II (Militzke-Verlag) auf Seite 250 das Thema „Die Soziallehre der römisch-katholischen Kirche“, in dem die Enzyklika Quadragesimo anno vollkommen wertneutral zitiert wird. Es erfolgt keinerlei Diffamierung oder ähnliches. Jedoch im „Ich bin gefragt“ Ethik 7/8 (Cornelsen-Verlag) stutzt man doch, wenn als Überschrift zu Texten über Christentum und Islam zu lesen ist „Christentum und Islam – wie ein Zoobesuch?“ (S.108/109). Auf den folgenden Seiten werden Passagen zitiert, aus denen die Schüler Eindrücke gewinnen sollen über Islam und Christentum. Was das mit Zoo zu tun hat, wird nicht erklärt.

So zeigt sich, der Ethik-Unterricht hat seine Schwachstellen, besonders wenn die Lehrer keinerlei Ausbildung bedürfen. Aber mit manchen Lehrwerken zum Katholischen Religionsunterricht ist es ebenfalls nicht weit her. Da kann der Lehrer noch so gut ausgebildet sein. Im Lehrerkommentar zu ReliRealschule 8 werden Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Kirche auf einer Seite zusammenfasst. Und dann kann man gleich noch Reformanopoly spielen. Einmal durch die Reformation. Aber bitte nicht zu ernst, wir wollen doch alle schon ökumenisch bleiben. Wenn ich einem katholischen Lehrer eine Empfehlung geben müsste, ich würde sagen, unterrichte besser mit dem evangelischen Buch. Die haben wenigstens einen Standpunkt.

Berlin sei keine Reise mehr wert, hieß es in einem Leserbrief (DT vom 30. April). Das ist denn doch sehr übertrieben. Das Gegenteil wäre richtig: Eine Stadt wie Berlin die – trotz allem – einen internationale Kulturstadt ist, braucht die Präsenz der Christen; also hinfahren oder hinziehen, was auch immer: Hauptsache einmischen, präsent sein, mitreden und Farbe bekennen. So geht's.