Zur Diskussion um die „Geistige Kommunion“, von der auch aus Anlass der vatikanischen Synode zu Ehe und Familie verschiedentlich die Rede war: Wiederentdecken – statt vergessen

In einer kleinen Studie „Christus mit dem Herzen aufnehmen“, die „Die Tagespost“ am 4. Oktober veröffentlichte, hatte ich darzulegen versucht, warum die geistige Kommunion für die heutige Seelsorge neue Beachtung verdient. Auf sie antwortete ein Leserbrief eines Ordinarius katholischer Dogmatik („Die Tagespost“ vom 7. Oktober „Im analogen Sinn eine Option“). Dieser gibt mir Gelegenheit, nochmals auf die „Geistige Kommunion“ aufmerksam zu machen – auch weil es mir unerlässlich erscheint, einige gegen meine Darstellung gerichtete Behauptungen zu korrigieren.

Offenbar ist der Begriff der „Geistigen Kommunion“ selbst Fachtheologen nicht geläufig. Wie mag es da erst um seine Wertung in der Pastoral unter geweihten Hirten und bei den Christgläubigen bestellt sein! Dieser Übung gläubiger Frömmigkeit kommt demnach dringend neue Aufmerksamkeit zu. Sie verdient es nicht, mit Schnellschüssen vom Schreibtisch kurzerhand ins kirchliche Archiv befördert zu werden.

Der hohe Rang der „Geistigen Kommunion“ im kirchlichen Glaubenstun ist für lange Jahrhunderte gut bezeugt. Sie verlor erst in jüngster Vergangenheit ihren Stellenwert in der Seelsorge. Der Dogmatiker Johannes Auer war wohl einer der letzten, der ihr theologisches Fundament und ihren Gewinn für die Verinnerlichung der Christus-Beziehung herausgestellt hat. Seine Untersuchung ist mit historischen Nachweisen reich belegt, und niemand, der sich verantwortlich mit der Problematik befasst, darf ihn übergehen. („Geistige Kommunion. Sinn und Praxis der communio spiritualis und ihre Bedeutung für unsere Zeit“, in: Geist und Leben 24 ((1951)) 113–132; abrufbar auch im Internet). In knappen Strichen seien die Grunddaten seiner Argumentation wiedergegeben.

Die Feier des Herrenmahles mit seiner Frucht, der heiligen Eucharistie, ist das größte Sakrament des Neuen Bundes. Das Neue Testament begründet an unterschiedlichen Orten die Würde und den Wert der eucharistischen Speise. Die vielen Details können hier nur angedeutet werden. Der Empfang der heiligen Kommunion ist Mittel zum Erhalt und zur Stärkung des ewigen Lebens. Er bezieht den Gläubigen ein in das Opfer Christi selbst. Im Verlauf der Jahrhunderte tritt in der Entwicklung kirchlicher Frömmigkeit dann zunehmend der Gedanke hervor, dass die Eucharistie eine leibhaftige Begegnung mit Jesus ist, die als personal-mystische Sicht des Geschehens verstanden werden kann. Diese Auffassung verbreitete sich erkennbar ab dem Zweiten Jahrtausend. Von dieser Zeit an sieht man Jesus als den Gast der Seele, den König, dem man entgegengeht, an den man sich im persönlichen Gespräch wie an ein Du wendet. Der Heilige Bernhard von Clairvaux (+1153), der heilige Bonaventura (+1274) und der deutsche Mystiker Heinrich Seuse (+1366) etwa trugen viel zur Verbreitung dieser Sicht des Eucharistie-Empfangs bei.

Mit wachsender Anthropo- und Egozentrik in der Renaissance verkümmerte dann der kommunionale und eschatologische Sinn des eucharistischen Geschehens mehr und mehr. Wegen dieser Vereinseitigung auf das Innerlich-Intime geriet die „Geistige Kommunion“, in der sich der individuelle Aspekt der Christus-Begegnung gleichsam bündelte, in Vergessenheit.

Von solchem Verständnis der Eucharistie unterscheidet sich nun freilich unsere heutige Sicht des Herrenmahles beträchtlich. Wir sind weit davon entfernt, dass intimistische Scheuklappen die Frömmigkeit unserer Gemeinden prägen. Eher droht gelegentlich „liturgischer Betrieb“ mit unausweichlicher Veräußerlichung im Gottesdienst. So gewinnt dann ein anderer Strang von Lehre und Katechese an Beachtung, den uns die Geschichte der Kirche gleichfalls bereithält. Schon seit der frühen Christenheit finden wir nämlich große Theologen, denen gerade die geistige Wirkung des leiblichen Genusses ein Anliegen ist. Etwa Tertullian (+nach 220), Cyprian (+258) und Augustinus (+431) heben auf die spirituelle Eingliederung in den mystischen Leib Christi ab. Sie begnügen sich nicht mit dem sakramental-zeichenhaften Essen des Herrenleibes, sondern unterstreichen die geistige Wirkung des Kommunizierens. Die griechischen Theologen Basilius (+379) und Gregor von Nazianz (+390) stellen heraus, dass die Eucharistie den Geist Christi schenkt. Andere Väter wie Ambrosius (+397), Gregor von Nyssa (+394) oder Johannes Chrysostomus (+407) betonen, dass es bei diesem Sakrament um eine Wirklichkeit geht, die nicht mit den Sinnen zu erfassen ist; dass es im Glauben, das heißt von pneumatischen Menschen empfangen werden muss. Augustinus treibt solche Wahrheit auf die Spitze, indem er den sakramentalen Empfang sogar relativiert. Er prägt in seinen Predigten zum Johannes-Evangelium das überraschende Wort: „Ut quid paras dentes et ventrem? Crede, et manducasti – Warum bereitest du die Zähne und den Leib? Glaube, und du hast gegessen!“

In den Aussagen dieser Säulen der Kirche findet die geistige Kommunion eine hinreichende theologische Rechtfertigung. Ihre Praxis ist dann auch über die Jahrhunderte hin gut bezeugt. Unterschiedliche Faktoren geben ihr zunehmende Verbreitung. Da schwindet einmal mit der staatlichen Anerkennung und Freiheit durch die plötzliche Zunahme kenntnisarmer Kirchenmitglieder das Verständnis für die Eucharistie bei vielen bedauernswert. Eine neue Bußordnung verschärfte dann die Sensibilität für die Sünde und mögliche Strafen, wie sie der Apostel Paulus im Korintherbrief erwähnt (1 Kor. 11, 29f). Viele liturgische Handlungen wurden später symbolisch und allegorisch gedeutet, Sprachschwierigkeiten erschwerten den Zugang zur Theologie des Messopfers. All diese Entwicklungen – so wenig erfreulich manche auch sein mögen – gaben der „Geistigen Kommunion“ Auftrieb. In den Dekreten des Tridentinums und im Catechismus Romanus wird sie festgehalten. Sie bezieht durch Glaube, Sehnsucht und Liebe zum eucharistischen Herrn ein in Christi Opfer; sie gilt in ihrer spirituellen Wirkung der real-sakramentalen Kommunion annähernd gleich.

Die Aussagen dieser Kirchenväter und Theologen sind für die Praxis der „Geistigen Kommunion“ ein sicheres Fundament. Sie vermitteln eine verlässliche theologische Basis für ihre Übung. Der erwähnte Leserbrief tut des Guten zu viel. Er lädt sich mit dem Versuch einer neuen theologischen Legitimation nicht nur unnötige Arbeit auf; er kann auch mit der Heranziehung des neu eingeführten Adjektivs „analog“, das in der langen Tradition offenbar nirgends auftaucht, keine Klärungshilfe beitragen.

Vor allem darf die Sache der „Geistigen Kommunion“ nicht mit einem traditionsfremden Inhalt gefüllt werden. Wer den Ausdruck gebraucht, sollte wissen, wovon er spricht. Der Begriff versteht sich als Alternative zum physisch-realen Empfang, der ja auch veräußerlicht werden kann, sodass er ohne heilshafte Wirkung bleibt. Er möchte demnach die Werthaftigkeit des „nur“ spirituellen Empfangs festhalten. „Geistige Kommunion“ würde missverstanden, gälte sie – wie in dem Leserbrief, der fälschlich meint „geistig“ in „geistlich“ korrigieren zu müssen – schlicht als würdiger Kommunion-Empfang, als Gegenbegriff gegen sündhaftes Essen des Herrenleibes.

Als ein solcher geistiger, im äußeren Tun nicht wahrnehmbarer Akt ist die Wertung der „Geistigen Kommunion“ dem Kirchenrecht entzogen. Dies ist nach den generellen Regeln des Kirchenrechts festzuhalten, etwa nach dem Axiom: „De internis non iudicat Eccelsia.“ Dass ihre Beurteilung dem Kirchenrecht nicht zusteht, wird ferner ausdrücklich von einer spezifischen Studie bestätigt, die ich in meinem Artikel vom 4. Oktober zitiert habe. Dementsprechend lässt sich die Argumentation Kardinal Kaspers – wer zum sakramental-zeichenhaften Empfang der Eucharistie nicht zuzulassen sei, sei auch unwürdig für die geistige Kommunion – nicht halten. Sie ist unzutreffend.

Trotz des Machtworts von Kardinal Kasper muss das Gespräch über die „Geistige Kommunion“ weitergehen. Gewiss nicht als „Lösung“ für den Kommunionempfang der „wiederverheirateten Geschiedenen“. Ich habe sie übrigens in meinem Beitrag nie als „Lösung“ dieses Problems, sondern als Möglichkeit angeführt für solche Gläubige, die sich in der kanonisch blockierten Situation nach einer personalen Begegnung mit Jesus Christus sehnen. Diese Form der Kommunion ist wiederzubeleben. Es geht nämlich um mehr als um einen raschen Schlagabtausch in einem hochkomplexen Drama. Hier steht die Wiederentdeckung einer Jahrhunderte währenden Hilfe zur Vertiefung gläubiger Christus-Beziehung. Die Enzyklika „Mediator Dei“ Pius' XII. hatte noch formuliert: „Es ist der dringende Wunsch der Kirche, dass die Christen, besonders wenn sie nicht leicht das eucharistische Mahl in Wirklichkeit empfangen können, es wenigstens durch Verlangen empfangen.“

Wir durften in unseren Tagen sehen, wie andere Frömmigkeitsformen, die eine Weile vergessen waren, wieder aufgelebt sind. Zu meiner Seminarzeit war etwa die eucharistische Anbetung nicht beliebt, bei einigen Studenten sogar als intimistisch verdächtigt. Heute hat sie neu Karriere gemacht. Oder wer hätte vor 50 Jahren gedacht, dass das Wallfahrtswesen einmal zu einem fast mittelalterlichen Boom heranwüchse? Warum sollen die Früchte der „Geistigen Kommunion“ dem Volk Gottes für immer vorenthalten sein? Dass der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) sie ganz verschweigt, ist sicher ein Armutszeugnis und bedarf einer offiziellen Korrektur.

Die Vermittlung der Wahrheit von der „Geistigen Kommunion“ ist zuerst ein Seelsorgedienst an denen, die nicht an der Liturgie selbst teilnehmen können. Sind sie alt oder krank, würde ihnen die Kenntnis, die heilige Kommunion „geistig“ zu empfangen, gewiss oft zur Freude und zum Trost. Manche von ihnen nutzen die elektronischen Medien von Radio und Fernsehen, um geistig an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Sollten sie von Moderatoren nicht im Augenblick des Kommunion-Empfangs angeleitet werden, Christus geistig aufzunehmen? Unter den Gläubigen Italiens gibt es vorgeformte Gebete, die solche ersehnte Begegnung mit dem Herrn erbitten. Sie zu erstellen und zu verbreiten wäre fraglos eine lohnende Aufgabe für die Pastoral-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und das Liturgische Institut. Nicht zuletzt könnte das theologische Wissen von der „Geistigen Kommunion“ all unserem individuellen Empfang neue Tiefe geben, weil es uns lehrt, dass bei der Kommunion der leibliche Genuss auf die mystisch-geistige Begegnung mit dem Herrn zielt.

In unserer Welt zählt heute, was greifbar in die Augen fällt. Etwas hat Gewicht, wenn man es zählen und messen kann. Und ganz gewiss hat der christliche Glaube einen Herrn zum Fundament, der Fleisch geworden ist, statt sich aller Empirie spiritualistisch zu verbergen. Dennoch hat unser Gottesbezug das Innere des Menschen einzubeziehen. Er bleibt ohne die Resonanz des Herzens „tönendes Erz und klingende Schelle“, wie der Völkerapostel von der Liebe sagt. Darum betet der Priester nach seiner eigenen Kommunion seit unvordenklichen Zeiten in der Messfeier still für sich: „Quod ore sumpsimus, mente capiamus – Wir wollen in unserm Herzen aufnehmen, was wir mit dem Munde empfangen haben.“ Wer sich von der Lehre der „Geistigen Kommunion“ formen lässt, ist gegen die ritualistische Entleerung der Liturgie besser gewappnet. Von Paul Josef Kardinal Cordes, Vatikanstadt.