Zur Diskussion um die Frage „Was ist gute Erziehung?“: Der Medieneinfluss ist erforscht

„Was ist eine gute Erziehung?“ – Unter diesem Titel veröffentlicht J. Schwarte einen ganzseitigen Artikel in der DT vom 9. Juni 2009 (S. 13). Der Autor referiert Thesen des Jugendpsychiaters Michael Winterhoff und des Psychologen Wolfgang Bergmann, weist auf aktuelle Publikationen beider hin, leider jedoch nicht auf die Internetpräsenzen und Diskussionsforen, erörtert einige Aspekte des Diskussionsumfeldes (Bueb und Brumlik; Umfrage bei Schülern über den „guten Lehrer“), kritisiert das definitiv zu bemängelnde fehlende Miteinander der Kritiker unserer aktuellen Erziehungsmisere und stellt – in Anlehnung an Benedikt XVI. – eine These über die Notwendigkeit der Kritik der negativen Folgen der Unterhaltungsindustrie auf unsere Kinder auf.

Die diversen Beiträge zur gegenwärtigen Erziehungsdebatte sind es wert, dass der interessierte Leser sie durch Lektüre der Bücher genannter Autoren vertieft. Auch sollte er die Internetpräsenzen der Autoren besuchen und die Diskussion in den sogenannten Blogs verfolgen beziehungsweise mitdiskutieren. An dieser Stelle hier möchte ich auf J. Schwartes Fokussierung der Medienaspekte eingehen. Schwarte behauptet, es „fehl[e] unserer Öffentlichkeit noch immer weitestgehend [die Beachtung] aller gesellschaftlichen Kräfte [im Diskurs], und hier dann insbesondere der Massenmedien, aber auch der Werbung und der Unterhaltungsindustrie“. Er folgert: dieses „Beschweigen der fatalen Einwirkungen des Fernsehens, der Werbung und der Unterhaltungsindustrie auf Kinder und Jugendliche“ müsse ein Ende haben.

Die Behauptung Schwartes ist schlichtweg falsch. Ich nenne exemplarisch für eine mittlerweile fast ein Jahrhundert anhaltende, hochprofessionelle und auf viele Wissensbereiche ausgedehnte Diskussion über die (negativen) Einflüsse des Medienkonsums: K. Jaspers; Kl. v. Bismarck, A. Kluge, F. Singer; F. Dröge, R. Weißenborn, H. Haft; K. Steinbuch; R. Sennett; N Postman sowie J. Wertheimer und P. v. Zima. Diese Diskussion wurde bislang eher unter dem Titel „Massenkommunikation“ geführt, so dass die Frage nach der Bedeutung der Medien für die Bildung und Erziehung junger Menschen heute und die damit verbundenen Gefahren nicht immer unter jenem Aspekt eigens thematisiert wurden. Dies ist um so bedeutender, als sich heute die Folgen der Missachtung all jener Kassandrarufe zeigen: Es ist genau genommen die Infantilisierung unserer Gesellschaft insgesamt, welche wir z. Zt. bloß aspekthaft, nämlich vornehmlich als Narzissmusproblem bei Kindern und Jugendlichen wahrnehmen.

Schwartes Forderung nach einer Erweiterung des Wahrnehmungshorizonts ist sicher zustimmungspflichtig; die dieser Forderung zugrundeliegende Behauptung aber nicht. Missachtet man die Tradition dieser Diskussion, kommt es leicht dazu, dass man das Rad noch einmal erfinden will. Es gilt statt dessen, die genannte und andere Literatur zu diesem Problemfeld auszugraben, neu zu veröffentlichen und in die Diskussion einzubringen. Gerade der historische Abstand zu manchem dieser Werke macht die Standpunkte fruchtbar, wenn man sieht, wie viele der Negativprognosen sich bereits erfüllt haben.

Für die Diskussion über die Grundsätze einer „gute[n] Erziehung“, um auf den Titel des Artikels zurückzukommen, ist unbedingt von den vielen Dokumenten der Katholischen Kirche zu Erziehungsfragen auszugehen. Auch dann ist freilich nicht damit zu rechen, dass Konsens schnell erzielt sei. Die letzten vierzig Jahre (nicht nur der Bildungspolitik) haben soviel in Bewegung gebracht – und zerstört, dass uns die Folgen unseres Handelns und Unterlassens nunmehr zu überrennen drohen.