Zur Diskussion um die Fälle sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen: Weltweit im Einsatz für die Menschen: Die Kirche am Pranger der Medien: Da wird ein falscher Eindruck erweckt: Vertrauen ist eine zarte Pflanze: Gewandelte Sexualmoral

Kindesmissbrauch ist in jedem Fall ein schweres Vergehen, das unbedingt bestraft werden muss. Ob es sexueller Missbrauch oder unmäßige Strafen sind, spielt zumindest bei den Medien keine Rolle. Alles schön unter dem Sammelbegriff „Missbrauch“ und die Kollektivschuld der Kirche und ihren Bischöfen und Priestern anlasten, dazu noch den Zölibat werfen, fertig ist das Gericht. Vor etwa zwanzig Jahren hatten wir in unserer Kleinstadt einen Fall von Kindesmissbrauch, der sich über 15 Jahre versteckt hinzog, bis der Schuldige, ein evangelischer Lehrer, während seines Schulunterrichts in Handschellen abgeführt wurde. Der Prozess war natürlich öffentlich. Die Zeitungen waren zwar interessiert, aber niemals wurde die Schuld der evangelischen Kirche, der Lehrerschaft allgemein, der Schweiz insbesondere zugewiesen. Wenn ein Busfahrer oder ein Lokführer einen Unfall verursachen, wird die Schuld niemals den öffentlichen Verkehrsmitteln angelastet.

Die römisch-katholische Kirche hat die besten Priester und Ordensleute, die weltweit unter Einsatz ihres Lebens verfolgte, kranke, missbrauchte Menschen betreuen. Das ist seit 2 000 Jahren Christentum immer so gewesen und wird immer so bleiben, bis Jesus Christus wiederkommt. Beim „Letzten Gericht“ muss jeder seine Taten selbst verantworten.

Nach den Skandalen in den USA und Irland steht nun auch die katholische Kirche in Deutschland am Pranger. Täglich werden sexuelle Missbrauchsfälle von Geistlichen in katholischen Einrichtungen gemeldet, und zwar in bewusst dosierten Abständen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Solche Übergriffe sind verwerflich und müssen als Sünde angeprangert werden. Jeder einzelne Fall ist zuviel. Und man muss versuchen, solches Fehlverhalten zu ahnden und zu unterbinden.

Doch worum geht es den betreffenden Medien? Ich frage mich, warum berichten sie nur von (alten) Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen, während es in nichtkatholischen nachweislich prozentual viel mehr solcher Fälle gibt? Steckt gezielte Absicht dahinter? Schlägt man bewusst auf den Sack ein, um den Esel zu treffen, das heißt um die Kirche zu beschmutzen und unglaubwürdig zu machen? Noch einmal! Dieser Hinweis auf andere Fakten soll keine Entschuldigung sein. Es ist bedauerlich und schmerzlich, dass es unter kirchlich Verantwortlichen solche Vergehen gibt, die natürlich das Bild der Kirche beschmutzen. Wir alle wissen, wenn ein Kind ein Verbrechen begeht, dann ist auch die ganze Familie betroffen. So ist es auch bei der Kirche. Und leider blickt man eher auf die Sünder und deren Skandale als auf die Heiligen, und sieht deshalb vor lauter Vergehen Einzelner nicht mehr das viele Gute, das durch die Kirche und ihre Mitglieder geschieht. Wenn man durch die gezielten Pressemitteilungen die Öffentlichkeit nur darauf aufmerksam machen wollte, dass es auch unter uns Katholiken Sünder gibt, dann wäre dies keine revolutionierende Neuigkeit. Dies gab es schon im Kreis der Apostel, wo ein Judas und Petrus dazugehörten. Und dass die Kirche seit 2000 Jahren auch eine Gemeinschaft von Sündern ist, die stets der Umkehr bedarf, ist offizielle Lehre der Kirche. Und gerade in der Fastenzeit werden die Christen wieder zur Besinnung und Umkehr aufgerufen. Wenn wir dazu Unterstützung durch die Medien bekämen, müssten wir dafür eigentlich dankbar sein.

Aber mir scheint, dass gewisse Leute eine andere Absicht damit verbinden, ähnlich wie jene Pharisäer, die eine auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin vor Jesus zerrten und anklagten mit den Worten: „Moses hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst Du?“ (Joh 8, 5). Ihnen ging es dabei nicht um das berechtigte Anliegen, die Sünde des Ehebruchs einzudämmen, sondern Jesu Gesetzestreue zu testen. Und wie reagiert Jesus? Er lässt sich nicht auf eine Diskussion mit ihnen ein, sondern sagt nach einer Weile: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Und als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten.“ (Joh 8, 7). Ob die Medien heute nicht auch schweigen oder besser an ihre Brust klopfen müssten, weil sie jahrzehntelang durch eine liberalistische Sexualmoral ein Bewusstsein gefördert haben, in dem Sexualvergehen aller Art gedeihen konnten? Man denke nur an Kinderporno, Ehescheidung und Abtreibung.! Jesus hat jene Ehebrecherin nicht verurteilt, aber ihr gesagt: „Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr“. Er hat die Sünde nie verharmlost, wie es heute vielfach geschieht, sondern er hat die Sünde verurteilt, aber den Sünder geliebt, wie es an vielen Beispielen deutlich wird. Wäre dieses Verhalten Jesu in der heutigen Kampagne um Missbrauchsfälle nicht auch ein erfolgversprechender Weg, das Böse gemeinsam zu bekämpfen, im eigenen Herzen und in der Gesellschaft?

Die gegenwärtige Pressekampage erweckt den Eindruck, dass die ganze katholische Kirche verseucht ist. Und sie will offenbar diesen Eindruck erwecken. Die Missbrauchsfälle sind natürlich wieder eine gute Gelegenheit, gegen den Zölibat zu wettern. Es muss aber offenbar auch katholische Einrichtungen gegeben haben, in denen kein Missbrauch stattgefunden hat. Sonst wäre mir's in meiner Jugend aufgefallen. Im Krieg wurden wir in unserer Ministrantengruppe von einem Pater betreut, später war ich in einem katholischen Internat und dann als Student in einem sogenannten Klerikat. Ich habe nirgends einschlägige Erfahrungen gemacht. Vielleicht geht es anderen auch so.

Das ändert freilich nichts daran, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern eine Schande für die Kirche ist. Neulich las ich den Satz: „Unkeuschheit ist das Einfallstor des Teufels“. Das gilt auch für Geistliche.

Ich glaube nicht, dass es das Ziel von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist, die katholische Kirche anzugreifen oder Erzbischof Robert Zollitsch zu attackieren. Weder polemisiert sie den Sachverhalt, mit dem sich die Kirche auseinandersetzen muss, noch spricht sie die Unwahrheit. Zollitsch muss aber doch erkennen, dass Leutheusser-Schnarrenberger als Ministerin und Mitglied des Kinderschutzbundes ein besonderes Interesse daran hat, sexuellen Missbrauch von Kindern, Minderjährigen und Schutzbefohlenen in jeglicher Form aufzuklären. So weltfremd kann katholische Moral einfach nicht sein, um dafür nicht Verständnis aufzubringen.

Kinder und Jugendliche wollen gesund erwachsen werden und sich ihren Fähigkeiten gemäß frei entwickeln. Wichtig sind ihnen gerade in dieser Zeit Werte wie Vertrauen, Freundschaft und Zuneigung, die sie erwachsenen Menschen entgegenbringen, denen sie anvertraut sind. Erwachsene, die das wissen und Kinder sexuell missbrauchen, handeln skrupellos und sind Verbrecher. Auch wenn die Täter katholische Priester und Ordensleute sind. Um ihre Triebe zu befriedigen, nehmen sie die fatalen Folgen für die Gesundheit und Seele der missbrauchten Kinder in Kauf. Ekelerregend und beschämend.

Gleichwohl ist Kindesmissbrauch ein Problem unserer ganzen Gesellschaft, nicht nur der Kirche. Das belegen allein schon Zahlen der Kriminalstatistik Baden-Württemberg (PKS), die als Drucksache vom Stuttgarter Landtag am 10. Februar 2010 ausgegeben wurde (Drucksache 14/5619). Danach sind in den vergangenen fünf Jahren allein in Baden-Württemberg in mindestens 8 125 Fällen Minderjährige, Kinder und Schutzbefohlene sexuell missbraucht worden. Zweifellos zeigen diese Zahlen eine entsetzliche Entwicklung auf.

Als Katholik, Vater und Bürger dieses Landes kann ich da nur an Erzbischof Zollitsch und die Justizministerin appellieren, ihre unangebrachten Zankereien einzustellen und sich an einen Tisch zu setzen, um Lösungen zu erarbeiten. Entschuldigungen an die Opfer sind gut gemeint, aber unzureichend. Klar ist bisher nur: Das Vertrauen unserer Kinder in uns Erwachsene ist eine zarte Pflanze. Ist es erst einmal zerstört, kommt es so schnell nicht wieder.

In der DT vom 27. Februar berichtet Regina Einig über die Sendung „Hart aber fair“, die sich mit den Missbrauchsfällen im kirchlichen Raum befasste und an der auch der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke teilnahm. „Zu Recht“, so heißt es in dem Bericht, „wies Jaschke darauf hin, dass sich die Sexualmoral nicht nur unter katholischen Christen, sondern in der gesamten Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat.“ Die Formulierung wirft die Frage auf, ob der Weihbischof hier nur eine Tatsache feststellen oder diese auch billigen wollte!

Zweifellos ist, dass sich das Sexualverhalten auch im katholischen Raum massiv verändert hat und das früher selbstverständliche Gebot der vorehelichen Keuschheit „unter schwerer Sünde“ fast völlig aus dem Bewusstsein geschwunden ist.

Anders ist es nicht zu erklären, dass auch durchaus gläubige Paare immer häufiger zusammenziehen, um dann erst nach einer Anzahl Jahre und oft erst nach dem ersten oder zweiten Kind kirchlich zu heiraten. Ganz sicher hängt der Wegfall des Sünden- oder Unrechtsbewusstseins in dieser wichtigen Frage mit der Tatsache zusammen, dass kaum mehr gebeichtet wird, sodass der Mainzer Kirchenrechtler Georg May hier schon vom „verlorenen Sakrament“ sprechen konnte.

Unter diesen Umständen wirft die zumindest klärungsbedürftige Bemerkung des Herrn Weihbischofs die Frage auf, ob die Kirche jedenfalls in der Bundesrepublik sich der normativen Kraft des Faktischen gebeugt hat und diese Entwicklung stillschweigend billigt oder doch in Kauf nimmt Die Frage ist umso dringender, als man bei uns in Katechese und Verkündigung in den letzten Jahrzehnten kaum mehr klare Auskünfte über den Unterschied von schwerer und lässlicher Sünde im allgemeinen und in diesem Punkt des sechsten Gebotes im besonderen bekommen hat. Darunter leidet nicht nur die kirchliche Glaubwürdigkeit: Ist es doch auf diese Weise – wenn überhaupt noch gebeichtet wird – immer mehr in das Belieben des Beichtvaters gestellt, wie er Verstöße gegenüber dem sechsten Gebot beurteilen will. Viel wichtiger ist, dass in den Gläubigen immer noch oder von neuem das Bewusstsein dafür geweckt werden sollte, dass sie nur dann zur heiligen Kommunion gehen dürfen, wenn sie dafür auch wirklich disponiert sind.