Zur Diskussion um den Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen : Ein Endlosthema, weil es so viele betrifft...: Geistliche Kommunion, eine große Hilfe

Ich bin Kardinal Kasper dankbar für seine Ansätze zur Lösung eines pastoralen Problems, das Betroffene und Geistliche gleichermaßen berührt. Seit Jahrzehnten begleite ich Brautleute in die Ehe hinein, was mir große Freude bereitet, aber mich auch zuweilen ziemlich schockiert. Nicht selten habe ich junge Leute gefragt, ob sie sich ihrer Sache sicher seien. Einigen wenigen habe ich sogar geraten, es lieber zu lassen. Natürlich haben sie dennoch geheiratet. Und ich habe assistiert – widerwillig. Zwei Fälle davon sind mir schmerzhaft in Erinnerung: Die eine „Ehe“ dauerte ganze drei Wochen (obwohl die beiden sich 10 Jahre kannten), die andere fünf Jahre. Die meisten von diesen Ehen sind jedoch zerbrochen. Für mich leider allzu oft absehbar.

Die Diskussion über das Thema „Geschiedene-Wiederverheiratete“ setzt für mich an bei der „ersten Ehe“. Viele können kirchenrechtlich für ungültig erklärt werden, andere nicht. – Leider! Dabei heißt Sünde für mich immer noch: das Zuwiderhandeln gegen Gottes Willen und gegen seinen Plan. Nur: weiß ich immer so genau, was Gottes Pläne mit mir sind? Ist das „Entzündetwerden von der ersten Flamme“ gleichzusetzen mit Gottes Plan und Wille? Wie viele Menschen müssen erst im Laufe des Lebens bitter lernen, dass nicht äußere Kategorien (wie Schönheit oder Sicherheit), sondern innere Stimmigkeit konstitutiv sind für eine tragende Partnerschaft (in der Ehe und auch im geistlichen Dienst)? Kann es demnach sein, dass die sogenannte erste Ehe die eigentliche Sünde ist, die es zu bereuen gilt – ein Fall für Bußsakrament und Lossprechung?

Das sechste Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen“ war für mich nie ein moralisches Gebot, sondern immer ein soziales: Aus der Ehe entlassen fiel der Schwächere oftmals ins Nichts. Das war leider fast immer die Frau. (Deshalb musste sie ihm auch schön untertänig sein, während der Mann sehr freizügig verkehren konnte.) Zu Recht sagt Antoine de Saint Exupéry: Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Was aber passiert, wenn beide in einer neuen Beziehung ihr Glück gefunden haben?

Die Ehe ist eine Institution, die es zu schützen gilt. Im Prinzip richtig! Nur will Jesus keine Institutionen schützen, sondern den Menschen. Für mich gilt es immer, den Menschen von den Altlasten der Vergangenheit zu befreien – wenn nötig auch vom „Missbrauch eines Sakramentes“. Das obliegt zunächst dem Bußsakrament, dessen Vernachlässigung ich sehr bedaure. Eine juristische Klärung – weit über die heutigen Vorgaben hinaus – wird die Folge sein müssen. Aber auch da gilt: „Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht“ (Jak 2,13). Denn ich bin überzeugt: Gesetze sind für den Menschen da, nicht Menschen fürs Gesetz. Die Praxis aus den letzten Wochen macht mir einiges deutlich. Erstens) Ein Mann will seine Ehe annullieren lassen; er hatte gegen den Willen seiner Mutter geheiratet, weil ein Kind unterwegs war, seine Schwiegermutter – sehr konservativ – hatte ihn dazu gedrängt. Der Mann war damals 17. Wenige Tage nach Vollendung des 18. Lebensjahres heiratete er. War das Gottes Wille? An dieser Stelle sollten wir uns in der Kirche mehr Mühe geben.

Zweitens) Ein Ehepaar bat mich, mit ihnen die Goldhochzeit zu feiern – auch mit einer Messe. Ein schönes Ereignis für lebendige Gemeindemitglieder. Nur: sie sind gar nicht kirchlich verheiratet, weil sie nicht durften. Was ist hier Gottes Wille? Es steht uns als Kirche nicht gut an, Gesetze aufzubürden, die viele von uns selbst nicht zu tragen in der Lage sind, die ggf. Leben behindern oder verhindern. (Frei nach dem Motto: Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben. – Joh 6,51) Christus verheißt das Leben auch der Frau, die schon fünf Männer gehabt hat und offensichtlich mit einem sechsten zusammen ist. Er will ihr zu trinken geben von seiner eigenen Quelle (vgl. Joh 4). Wer sind wir, Geschiedene-Wiederverheiratete als Christen zweiter Klasse zu betrachten, die „nur“ zur „geistigen Kommunion“ zugelassen werden.

Ich möchte Herrn Kardinal Cordes von Herzen für seinen Leserbrief (DT vom 6. Mai) danken, in welchem er auf die Geistliche Kommunion hinweist. Mir als Betroffener ist die Geistliche Kommunion seit November 2012, als ich mich in einer schweren Glaubenskrise befand, zu einem echten Segen geworden! Durch diese Möglichkeit, unserem Herrn in geistlicher Weise zu begegnen, habe ich schon so viel Hilfe und Gnade erfahren, dass ich nie genug dafür danken kann.

Vor diesem Hintergrund macht es mich sehr traurig, dass die Geistliche Kommunion oftmals so gering geschätzt wird und so selten als Lösung für die Problematik der Wiederheirat nach Scheidung in Betracht gezogen wird.

Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe: Erstens) Viele kennen diese Möglichkeit gar nicht, weil sie nicht dazu hingeführt wurden; das ging mir viele Jahre lang auch so. Zweitens) Es gibt eine große Unsicherheit in Bezug auf das Wesen der Geistlichen Kommunion. Ganz deutlich zeigt sich dies auch im Leserbrief von Pastor W. Henze (DT vom 10. Mai). Dort werden unter anderem folgende Fragen aufgeworfen: Ist die Geistliche Kommunion mit ihrer Gnadenfülle für Menschen in schwerer Sünde überhaupt möglich? Wenn ja, was hindert sie dann daran, „den Herrn nicht nur ,geistlich‘, sondern auch im Sakrament zu empfangen“?

Ich kenne diese Fragen aus verschiedenen Gesprächen und möchte daher Folgendes zu bedenken geben: Der wesentliche Unterschied zwischen „Geistlicher“ und „Leiblicher“ Kommunion ist die Haltung, die ich als Gläubige dabei einnehme. Ich nehme mir nicht einfach unseren Herrn, sondern ich warte auf ihn, wie und wann er kommt. Und er kommt mit all seiner Liebe, ohne gleichzeitig meine Schuld zu relativieren. Er macht es erträglich, im Anblick der Schuld zu leben – nie ganz frei von diesen Schmerzen, aber in der beglückenden Gewissheit, dass er es mit mir (er-)trägt. Daraus erwächst ein überwältigendes Maß an Gnade und Hilfe. Die äußere, knieende, wartende Haltung wird zur inneren Haltung. Unser Herr lehrt mich durch diese Weise der Begegnung mit ihm Demut. Und die Demut ist der Schlüssel zur Gnade.

Das gilt für alle Gläubigen, aber für uns Wiederverheiratet-Geschiedene kann es zum wahren Segen in unserer schwierigen Situation werden, wenn wir diese Verbindung mit unserem Herrn annehmen.

Das ganze fieberhafte Suchen nach anderen Wegen – angefangen von der generellen Zulassung zu den Sakramenten über die Suche nach „Schlupflöchern“ (zum Beispiel Empfang der Sakramente in anderen Gemeinden) bis hin zur „Einzelfall-Entscheidung“ ist überflüssig, wenn die Geistliche Kommunion als Lösung angenommen wird. Denn es ist alleine der Herr, der jede Situation angemessen beurteilen und jedem Gläubigen die entsprechende Hilfe schenken kann. Aus meiner Sicht ist es die dringende Aufgabe der Seelsorger, durch Anleitung zur Geistlichen Kommunion uns Gläubige zum Herrn hinzuführen und dann ihm voller Vertrauen das Handeln zu überlassen!

Ich kann nur dazu aufrufen, dass wir – Gläubige und Priester – gemeinsam diesen gnadenreichen Weg beschreiten, Netzwerke bilden und uns gegenseitig bestärken. Es reicht nicht aus, wenn Priester und Bischöfe uns die Lehre der Kirche darlegen – so wichtig das natürlich ist –, sondern sie müssen uns auch dabei helfen, die Lehre in unserem Leben umsetzen zu können!

Deshalb nochmals herzlichen Dank an Herrn Kardinal Cordes für seinen wichtigen Impuls. Es war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Gehen wir auf diesem Weg weiter!