Zur Diskussion um das Reformationsjubiläum: Seinem Gewissen verantwortlich

Der Rede unseres hochgeschätzten Staatsoberhaupts Joachim Gauck, evangelischer Pfarrer a.D., zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober in Berlin muss ich leider klar widersprechen. Seine Erklärung, ohne die „Initialzündung“ der Reformation gäbe es weder die Freiheit des Glaubens und des Gewissens noch die unvergänglichen Grundwerte, entspricht nicht den historischen Tatsachen.

Luther hat für sich selbst Toleranz gefordert, war aber nicht bereit, sie anderen zu gewähren. Mit äußerster Schärfe ging er gegen alle vor, die seine Meinung nicht teilten. Auch seine Anhänger, Reichsstädte und Fürsten, handelten entsprechend. Vielen ging es dabei auch um den Besitz der Kirche und um die Macht gegenüber dem Kaiser, den sie angesichts der dringenden Türkengefahr geradezu erpressten. So erklärten sie beim 2. Reichstag zu Speyer 1529: „Die Messe nur zu dulden würde bedeuten, der evangelischen ,Prediger Lehren, die wir doch für christlich und zuverlässig halten‘, Lügen strafen. Ja, wenn ,die päpstliche Messe nicht wider Gott und sein heilige Wort wäre, dürfte man sie nimmer beibehalten‘, weil zweierlei Kult in einem Gebiet unerträglich sei und beim gemeinen Mann, gerade wenn er es ernst meint mit Gottes Ehre ,zu Widerwärtigkeiten, Aufruhr, Empörung und Unglück aller Art‘ führen müsse.“ (Quelle: Deutsche Reichstagsakten VII, 1281). So wurde der katholische Glaube in Deutschland unterdrückt (vgl. Fall Caritas Pirkheimer in Nürnberg).

Bundespräsident Gauck behauptet: Die Reformation habe „die Überzeugung, dass das Individuum letztlich seinem Gewissenverantwortlich ist, zu neuem Leuchten gebracht“. Was war aber ihr wirklicher „Sieg“? Der Friede von Augsburg 1555 legte fest: Der Landesherr bestimmt die Religion seiner Untertanen. Am 20.11.1837 wurde der Kölner Erzbischof auf die Festung Minden verschleppt, und die katholische Kirche erlitt im „Kulturkampf“ (1871–1887) bitteres Unrecht. Sind diese Tatsachen Herrn Gauck wirklich unbekannt?