Zur Diskussion um Hirntodkriterium und Organspende: Leben retten durch Töten?

Das von einem ad hoc Komitee der Harvard Medical School 1968 eingeführte „Hirntodkriterium“ hatte erklärtermaßen den ausschließlichen Zweck, von einem hirngeschädigten Menschen vitale Organe für die Transplantation entnehmen zu können. Vitale Organe können eben nur von einem noch lebenden Menschen gewonnen werden. Der Hirntod diente als Scheinbegründung dafür, dass man den Menschen als bereits praktisch tot ansehen konnte. Das Hirntodkriterium hat dann eine rasante Entwicklung der Transplantationsmedizin ausgelöst, die zu einem Riesengeschäft wurde.

Ein Professor für Kinderheilkunde an der medizinischen Universität in Ohio (USA), Dr. Paul Byrne, hat bereits 1975 eine Erfahrung gemacht, die ihm zeigte, dass der Hirntod nicht den Tod des Menschen bedeuten kann. Ein Kind, Patient Joseph, war bereits sechs Wochen künstlich beatmet worden. Das EEG wurde als dem Hirntod entsprechend angesehen. Die Kollegen drängten Prof. Byrne, endlich die Organe zu entnehmen, damit der Fall abgeschlossen werden kann. Professor Byrne hat jedoch die Organe nicht entnommen und die Behandlung fortgesetzt. Das Kind wurde gerettet. Im Zeitpunkt des Berichtes über diesen Fall bei einem von Papst Johannes Paul II. gewünschten Kongress im Februar 2005 war Joseph verheiratet und Vater von zwei Kindern. Beruflich war er Feuerwehrmann. Hätte Dr. Byrne nach den Kriterien der Hirntod-Diagnose gehandelt, wäre dieses Leben eines Kindes definitiv zerstört worden. Diese klinische Erfahrung hat Prof. Byrne bereits 1975 die Gewissheit gegeben, dass der Hirntod nicht den Tod des Menschen bedeuten kann. Der Kongress vom Februar 2005, an dem hochrangige Wissenschaftler teilgenommen haben, hat das eindeutige Ergebnis gebracht, dass der Hirntod nicht den Tod des Menschen bedeutet.

Mir sind zwei Beispiele bekannt, in denen Jugendliche nach Motorradunfällen mit Schädel-Hirn-Traumata bei unterschiedlicher Reaktion der behandelnden Ärzte unterschiedliche Schicksale hatten. Den einen hat der im Krankenhaus arbeitende Transplantationsbeauftragte sofort mit dem Hubschrauber in das Allgemeine Krankenhaus (AKH) in Wien transportieren lassen, wo ihm die Organe entnommen wurden. Beim anderen hat es der behandelnde Arzt im Krankenhaus verhindern können, dass er abtransportiert wurde. Sein Unfall geschah gerade kurz vor seiner Matura im Sommer. Er wurde in der Intensivstation behandelt und wurde gerettet. Im Herbst konnte er seine Matura nachholen. Wäre er auch ins AKH nach Wien geflogen worden, wie es der Transplantationsbeauftragte wollte und den Hubschrauber bereits bestellt hatte, hätte es die Matura nicht mehr gegeben, sondern nur die Beerdigung einer entleerten Leiche. Es ist inzwischen dazu gekommen, dass man nicht mehr darauf hoffen kann, in einem Krankenhaus nach einem Unfall gerettet zu werden. Besonders dort, wo Transplantationsbeauftragte eingesetzt sind, besteht das Interesse an den Organen des Patienten, nicht an dessen Heilung. Damit sind die Krankenhäuser hauptsächlich zu Organbeschaffungsanstalten geworden.

Inzwischen hat einer der Erfinder des Hirntodkriteriums, Professor Robert Truog, 1997 gewagt, einen Schritt in Richtung der Wahrheit zu tun. In einem Artikel mit dem Titel „Is It Time To Abandon Brain Death“ (Hastings Center Report 1997) sagt er (ich übersetze aus dem Englischen): „Die schwierigste Herausforderung für diesen Vorschlag würde sein, die Akzeptanz für die Auffassung zu gewinnen, dass Töten manchmal eine zu rechtfertigende Notwendigkeit sein kann, um übertragbare Organe zu beschaffen.“ Das ist zumindest ehrlich.

Papst Johannes Paul II. hatte jedoch bereits am 14. Dezember 1989 bei einem von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften veranstalteten Kongress gesagt, „dass jenes Leben, dessen Fortsetzung mit der Entnahme eines lebenswichtigen Organs unmöglich gemacht wird, das einer lebendigen Person ist, während doch der dem menschlichen Leben geschuldete Respekt es absolut verbietet, dieses direkt und positiv zu opfern, auch wenn dies zum Vorteil eines anderen Menschen wäre, bei dem man es für berechtigt hält, ihn derart zu bevorzugen“.

Im Hastings Center Report 38, Nr. 6, 2008, haben die Erfinder des Hirntods, Professor Truog und Professor Franklin Miller, einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel: „Rethinking the Ethics of Vital Organ Donation“. Sie geben zu, dass „the practice of brain death in fact involves killing the donor“. Daher müsste die „dead donor rule“ aufgegeben werden. Das Töten des Patienten durch Organentnahme sollte als „justified killing“ angesehen werden. Dies ist nur in dem Kontext zu verstehen, dass die Transplantationsmedizin sich als eine humane, lebensrettende Unternehmung darstellt. Mit der Organtransplantation können tatsächlich Leben in großer Zahl gerettet werden. Ist es aber wirklich gerechtfertigt, dass dafür die Spender der Organe vom Kleinkind bis zu alten Menschen in ebenfalls großer Zahl sterben müssen? Kann man die Formel annehmen: Leben retten durch Töten?

Ich möchte nur auf das Faktum hinweisen, dass in allen mir bekannt gewordenen Fällen, in denen Hirntod „diagnostiziert“ worden war, aber die Organe dann nicht entnommen werden durften, die „Hirntoten“ durch richtige Behandlung überlebt haben und wieder völlig gesund geworden sind. Der polnische Arzt Dr. Talar allein kann inzwischen auf über 250 solche dokumentierten Fälle verweisen. Er hat eine Spezialklinik für die Behandlung solcher Patienten gegründet und wird von den Transplantationsmedizinern entsprechend gehasst und verfolgt.

Ein Fall, der in einem von Regina Breul in KathTube veröffentlichten Video allgemein zugänglich gemacht wurde, zeigt den Umgang mit diesem Problem besonders deutlich. Bei einer jungen Frau wurde nach einem Reitunfall Hirntod „diagnostiziert“. Ihr Vater wurde gebeten, die Organentnahme zu gestatten. Die Chefärztin der polnischen Klinik, in der man der jungen Frau die Organe entnehmen wollte, versuchte den Vater dazu zu überreden, der Organentnahme zuzustimmen. Ihre Argumentation, dass bei seiner Tochter kein menschliches Leben mehr vorhanden sei, sollte den armen Vater überzeugen, dass seine Tochter bereits tot ist. Er wollte es aber noch überlegen und mit seiner Frau besprechen. Inzwischen hatten die Eltern des Mädchens Kenntnis vom Arzt Dr. Talar erhalten, der sich auf solche Fälle spezialisiert hatte. Sie verlangten, dass ihre Tochter zu ihm überstellt wird. Die Chefärztin war wütend und wollte es nicht dulden. Aber die Eltern haben das durchgesetzt. Dr. Talar konnte das Mädchen durch seine Behandlung retten und das Mädchen konnte dann selbst in dem von KathTube aufgenommenen Video strahlend über ihre Rettung berichten. Jedermann kann dieses Video, das Regina Breul mit einer Kollegin zur Verfügung gestellt hat, wie ich hoffe noch immer über den Link: http: // www.kathtube.com/player.php?id=25682 anklicken.

Inzwischen hat Georg Meinecke in den Jahren 2012 und 2013 zwei hervorragende Abhandlungen veröffentlicht, die es objektiv unmöglich machen, weiterhin zu behaupten, dass der Hirntod den Tod des Menschen bedeutet. Die erste hat den Titel: „Organspende, Ja oder Nein, eine Entscheidungshilfe, Die verheimlichte Wahrheit“, 2012, die zweite: „Organtransplantation, Gottes oder Satans Werk, Die Wahrheit, Was Christen wissen sollten“, 2013. Es ist natürlich nicht möglich, die Ergebnisse Meineckes hier im Einzelnen wiederzugeben. In der Abhandlung „Organspende, Ja oder Nein“ erwähnt er, dass der frühere „Leiter des Transplantationszentrums in Hannover“ festgestellt hat: „Wenn wir die Gesellschaft über die Organspende aufklären, bekommen wir keine Organe mehr“ (S. 70). Daher fordert er am Ende seiner Abhandlung 1.) eine „umfassende wahre Aufklärung der Bevölkerung“, 2.) die „strafrechtliche Verfolgung derjenigen Personen, die vorsätzlich wehrlose Patienten zu Zwecken der Organentnahme durch diese oder anlässlich dieser töten, ... Irgendwann strandet jede Unwahrheit, siegt die Wahrheit!“, „3.) Durch ein gesetzliches Verbot“. Er sagt dann: Unter den Schutz der vom Grundgesetz geschützten unantastbaren menschlichen Würde fällt auch das Recht eines jeden Patienten, in Würde sterben zu dürfen und nicht als Opfer für fremde Interessen auf einem Operationstisch durch Ausschlachten seiner lebenden Organe getötet zu werden“ (S. 70 f.). In der Abhandlung „Organtransplantation“ sind die „Stimmen Abgehöriger von Organspendern“ besonders aufschlussreich und berührend.

Mit den Ergebnissen von Georg Meinecke sind alle noch so raffinierten Konstruktionen, mit denen bewiesen werden sollte, dass der Hirntod tatsächlich den Tod des Menschen bedeutet, definitiv erledigt. Aber die Transplantationsmedizin braucht unbedingt diese Tötungen, koste es, was es wolle. Was muss geschehen, dass diesen Verbrechen der Tötung unschuldiger Menschen ein Ende gesetzt wird? Die Transplantationsmedizin ist zu einem Giganten geworden und hat den Hirntod mit solcher Nachhaltigkeit in die Köpfe der Mediziner gesetzt, dass Fakten, die beweisen, dass der Hirntod nicht der Tod des Menschen sein kann, einfach nicht anerkannt werden. Ich habe es selbst in zahlreichen Diskussionen mit Ärzten erleben müssen. Die Hirntod-Ideologie ist offenbar unerschütterlich. Aber unausweichlich wird eines Tages sich die Frage stellen, wie es möglich war, dass in Kultur- und Rechtsstaaten ein solches Töten durch so lange Zeit möglich war. Kirchen und Regierungen ermuntern zur Bereitschaft für die Organspende, ohne dazuzusagen, dass dies die Bereitschaft einschließt, sich töten zu lassen. Wo ist der Rechtsstaat? Wo ist der Lebensschutz? Die Macht des Geschäftes ist noch so groß, dass ich in meinem Alter (bald 86) nicht hoffen kann, das Ende dieses Tötens zu erleben.