Zur Diskussion über die Außerordentliche Synode zu Ehe und Familie im Vatikan: Irritationen, Fehlspuren und was dann? : Viel Politik, was wird aus der Theologie?

„Ah, Mama, denkt die Kirche darüber nach, die Homo-,Ehe‘ zu erlauben?“, fragt mich mein 17-jähriger Sohn beim Überfliegen einer „Tagespost“-Schlagzeile in den vergangenen Wochen. „Genau das ist das Problem“, denke ich halblaut, ehe ich versuche, das Ganze zurechtzurücken. „Keine Denk- und Sprechverbote“ titelt die „Tagespost“ vom 21. Oktober zum Resümee der zurückliegenden Synode und ich frage mich, ob die Kardinäle hier nicht mehr Fehlspuren legten, als dass sie die Lehre der Kirche für unsere Tage „sprachfähig“ machten. Oder habe ich da etwas nicht richtig verstanden?

Dass Erzbischof Marx sich enttäuscht zeigte, weil er sich „mehr Mut“ von den Mitbrüdern erhofft hatte, war ja schon im Vorfeld zu erwarten, wenn man die causa Freiburg und seine Stellungnahmen dazu gegen Kardinal Müller aufmerksam verfolgte. Dass Marx sich selbst zu jener Fraktion zählt, die am Leben der Menschen Anteil nimmt, während die andere Fraktion zu sehr nach der Lehre der Kirche ausgerichtet ist, versteht sich von selbst. Letzteren fehlt also nach Marx der Mut, auf die Menschen von heute zuzugehen und landläufig gelten sie als unbarmherzig. Habe ich soweit alles richtig verstanden?

Kardinal Schönborn, von dessen öffentlichen Aussagen ich sonst immer ganz begeistert bin, verwirrt mich jetzt in seinem Vorschlag, in Beziehungen abseits des katholischen Eheideals „Spuren Christi“ zu sehen. Natürlich verstehe ich sein Anliegen, die Kirche solle auch wertschätzen, dass Liebe und Wahrheit selbst da aufleuchten kann, wo nicht alles gemäß der katholischen Moral in Ordnung ist. War nicht das auch das Ansinnen des Zweiten Vatikanums bei der Stellungnahme zu nicht-katholischen und nicht-christlichen Religionsgemeinschaften? Das hatte bestimmt sein Gutes – ich selbst freue mich immer sehr, wenn Menschen mit Liebe und Hingabe ihre Religion leben. Allerdings darf man nicht vergessen, dass genau diese neue Positionierung der katholischen Kirche auch dazu geführt hat, dass selbst Priester die Einstellung entwickelten, es ist egal, welcher Konfession oder Religion man angehört – und so beschreibt Scott Hahn anschaulich, wie er regelrecht abgewiesen wurde, als er als presbyterianischer Pastor zur katholischen Kirche konvertieren wollte. Wird sich eine solche Entwicklung denn nicht in aktuellen Fragen wiederholen?

Haben denn die Bischöfe und Kardinäle nur solche Homosexuelle vor Augen, die gemäß ihren Neigungen leben wollen und dazu den Segen der Kirche suchen? Oder kennen sie auch solche, die unter ihren Neigungen leiden und Hilfe suchen oder fanden? Ich weiß, man darf nicht mehr sagen, dass es Homosexuelle gibt, die therapiert werden wollen. Im Gegensatz zu unserer Kirche gibt es nämlich viele Denk- und Sprechverbote in unserer Gesellschaft, wenn das Gesagte oder Gedachte dem Zeitgeist entgegenläuft. Da braucht es sehr viel Mut, seine Meinung dennoch zu äußern.

Bislang hatte man die Lehre der Kirche wenigstens noch auf seiner Seite, die Mut machte, sich der Wahrheit zu stellen. Aber wie wird es sein, wenn die Verwirrung in Sachen Partnerschaft in synodalen Dokumenten Eingang gefunden hat? Ist dann auch alles egal? Das Anliegen, Menschen mit anderen Wert- und Moralvorstellungen zu respektieren und zu ehren, ist ja ein gutes. Aber muss die Kirche auch absegnen, was sie über Jahrhunderte als sündhaft gelehrt hat? Ist nicht auch die Geliebte eines verheirateten Mannes ein Mensch, der die Barmherzigkeit Gottes sucht? Diese leidet mit Sicherheit sehr an ihrer Situation, sie opfert sich nicht selten hingebungsvoll für ihre Liebe auf. Sollte die Kirche da nicht auch barmherziger sein und sie zum Kommunionempfang zulassen? Wie viele Singles mag es geben, die in solch ungeordneten Beziehungen nach katholischer Moralvorstellung leben? Muss sich da die Kirche nicht auch öffnen und auf die Lebensbedingungen der Menschen zugehen? Kann man nicht auch in dieser Beziehung „semina verbi“ sehen?

Daher meine Fragen: Gibt die Kirche auch weiterhin klare Leitlinien, die sie aus der Offenbarung Gottes ableitet, damit die Menschen sich daran orientieren können? Kann sich der Gläubige auf den Glauben und die Morallehre der Kirche auch weiterhin verlassen? Wird die Kirche auch zukünftig nicht müde, die Wahrheit von der Sünde zu verteidigen, den Sünder aber zu achten und zu lieben? Wird sie in Zukunft daran festhalten, dass Gottes Gebote Barmherzigkeit sind und dass jeder, der sie übertritt, unbarmherzig handelt, auch wenn er es selbst nicht erkennt? Wird sie weiterhin die Türen offen halten für alle, die umkehren wollen und jenen nachjagen, die in ihren unbarmherzigen Strukturen verharren wollen? Jesus bot allen Menschen seine Gemeinschaft an. Die volle und dauerhafte Gemeinschaft mit ihm hat und hatte aber nur, wer sich von der Sünde abkehrte. In diesem Sinne ist doch die gängige Praxis des Kommunionempfangs der katholischen Kirche ein sichtbares Zeichen für diese tief liegende Wahrheit. Warum wollen manche Bischöfe und Kardinäle hier Fehlspuren legen?

Die Synode zu Ehe und Familie ist in ihrem Arbeits-„Ergebnis“ doch sehr irritierend. Papst Franziskus sieht die Kirche vor einem Jahr der geistlichen Entscheidungsfindung. Völlig richtig fragt der Blickpunkt der DT vom 25. Oktober, ob die Kirche in Europa überhaupt noch die Glaubenskraft für einen solchen geistlichen Prozess hat. Die meisten Wortmeldungen zum Thema scheinen mir inzwischen derart politisiert, dass ich mir Sorgen mache um den Stellenwert vernünftiger Theologie, für die ich Benedikt XVI. immer bewundert habe.